| IDEALZONE — SÜDBAHNHOF — BREAK — REALITIES — METALOG — P.I.L.T.Z. — 88 € — MR.QUICKIE — TAXI 01 | |||||||
IDEALZONE WIEN / Das Buch.
( Die schnellen Jahre, 1978 -1985 )

"Wer sich an die achtziger Jahre erinnern kann, hat sie nicht erlebt."
Dieses legendäre Falco-Zitat haben wir bei der Entstehung von "Idealzone
Wien" so oft gehört, dass es uns schließlich eher als Ausdruck
eines lähmenden Traumas denn als drogenbedingten Gedächtnisschwunds
erschien. Doch Verdrängtes kehrt wieder, und plötzlich konnten sich
doch alle erinnern. Unsere "Tu nicht so, als würdest Du Dich nicht
erinnern!"-Aufforderung, als Autor oder Gesprächspartner einen Beitrag
für dieses Buch zu leisten, löste dann doch euphorisches Engagement
aus. Das Ergebnis unserer erfolgreichen Suche nach Beiträgen, Fotos, Illustrationen
und r aus dieser Zeit liegt nun vor Ihnen - samt Interviews mit und Porträts
von Zeitgenossen.
"The
eighties are back." Was vordergründig wie eine Revival von Popkultur
zum richtigen Zeitpunkt aussieht, ist im Grunde des Versuch, diese Jahre, diese
"schnellen" Jahre, erstmals am Beispiel einer Stadt und ihrer Kultur
nachzuzeichnen. Es ist der Versuch, die Aufbruchsstimmung in Wien der siebziger
bis Mitte der achtziger Jahre dokumentarisch, analytisch und immer wieder ironisch
nachzuzeichnen. Es ist eine Liebeserklärung an Wien, und es ist eine Abrechnung.
Es umfasst die ganze Bandbreite des dilettantischen "Alles, immer und überall",
das wir so gut aus dieser noch gar nicht so lange vergangenen Zeit kennen. Und
genau das ist der wesentliche Aspekt, der "Idealzone Wien" von einander
jagenden Revivals von heute unterscheidet. Bevor- oder sind wir schon mittendrin?
- in Wien ein Recycling oder Revival der achtziger Jahre pasiert, sei es kompensatorischer
oder kathartischer Funktion, wird dieses Buch die idyllisierende Beschwörung
der guten alten Zeit verhindern oder: die Dinge zurechtrücken. Was gab
es damals nicht alles:
New
Wave, Punk und Neue Deutsche Welle; Schoko, Ring und Reiss-Bar; Wilde Malerei
und Galerienboom; Minisex und Blümchen Blau; Stadtfeste und Hainburg; Flip-Sakkos
und Bleistiftabsätze; postmodernes Denken und Caorle am Karlsplatz - lauter
unumstößliche Kennzeichen und Symbole einer Zeit, die zur Identitätsfindung
der jungen Generation in Wien wesentlich beigetragen haben und sie radikal prägten.
Eine rasante Aufbruchstimmung lässt die alten Werte einer ermüdeten
70er Jahre Subkultur hinter sich, den alten, grauen Wienmief raus und die Stadt
endlich zur schillernden Donaumetropole werden.
WIEN GOES PUNK
Mit der Arenabesetzung im Sommer 1976 fand die längst fällige Initialzündung
der Wiener Alternativkultur statt. Durch die Gründung von Stadtzeitschriften
wie der "Arena Stadtzeitung" und dem "Falter" 1977 manifestierte
sich diese Gegenkultur nun auch in den Medien. Diese neue mediale Öffentlichkeit
verhilft der avantgardistisch relevant werdenden Subkultur oder kulturellen
Subversion zu populärer Massenakzeptanz samt kommerziellen Erfolgen. New
Wave -Musik und "Neue wilde Malerei" werden zu medialen Ereignissen
und ihre Protagonisten quasi über Nacht zu Helden. Die eigentliche Subversion
ist allerdings Punk - das chaotisch, bunt-anarchistische Gegenstück zur
vergammelten "antiimperialistischen Palästinensertuch-Fraktion"
In den Glück- und Schönheitsversprechungen einer reformierten Leistungsgesellschaft
bildet Punk das zerstörte Gegenbild. Die scharfe Energie aus Sex und Adrenalin
bildet in dieser "gesellschaftskritischen" Alternativkultur den Motor
für die neue Kunst-, Musik- und Kreativszene ist. Geniale Dilettanten sind
allerorts und zahlreich am Werk.
POSTMODERN WIRD MODERN
Ob
im Musikbereich, wo billige Synthesizer und die Neue Deutsche Welle demonstrieren
wie einfach und lustig Musik machen ist; ob in der Kunst, wo mit naiver Euphorie
die wieder gewonnene Ausdruckskraft der Malerei gefeiert wird oder in der Architektur,
der Werbung oder im Design. Postmoderne Gestaltungskriterien machen es leicht
aus den diversen stilistischen Mottenkisten das passende Styling zusammenzubasteln
und bald tönt die postmoderne Überwindung als Hedonismus in allen
Gassen. Auch die Wiener Gastronomieszene boomt -1977 eröffnet die von Coop
Himmelblau gestaltete Reissbar, 1980 das Krah Krah - das somit den Startschuss
zur Erschließung des Bermudadreiecks gibt. Hermann Czech baut das Salzamt,
nachdem sein Kleines Café und die Wunderbar schon Jahre vorher diesen
Lokaltypus zum Vorschein gebracht haben und als einzige zeitgemäße
architektonische Orte galten. Parallel dazu schießen die Lokale nur so
aus dem Boden; Tempo, Schoko, Blitzbar, Flieger, Ring, und wie sie alle heißen
- große, grelle, coole "Beisln" mit Neon und Palmen, in denen
sich das sogenannte Leben abspielt. Diese Orte dienen als Kontaktbörse,
als Aufreissort oder als erweitertes Wohnzimmer. Wo früher Avantgarde und
Hochkultur nur in geheimnisvollen Etablissements zu finden waren, sind jetzt
alle immer und überall.
ZEITGEIST ALS STADTPOLITIK
Avantgarde wird durch diese neue Engführung von Subversion und Populärkultur
breitenwirksam und populär. Der "WIENER" - der sich seit 1982
als "Zeitschrift für Zeitgeist" tituliert, trifft genau das
Lebensgefühl dieser frühen Achtzigerjahre.
Durch die Stadtfeste (seit 1978) proklamiert Erhard Busek faktisch das kulturelle
Stadtmarketing dieser Epoche, das Helmut Zilk ein paar Jahre später als
city management by cultural image zum übergeordneten Programm für
eine moderne Stadtpolitik definiert. Doch damals war Zilk noch Kulturstadtrat,
ermöglichte das erste "Wiener Szene" Konzert in den Sophiensälen
und trug auch sonst nicht unwesentlich zur kulturellen Öffnung der Stadt
bei. Andere "hehre" Institutionen erlebten ebenfalls einen langen
Frühling - so zum Beispiel die Hochschule für Angewandte Kunst mit
ihrem neuen Rektor Oswald Oberhuber. Im übrigen hat Kreisky das Ruder noch
fest in der Hand und im fernen Amerika wird Ronald Reagan Präsident, was
der Wirtschaft zu einem enormen Aufschwung verhilft, der sich auch hier zulande
bald auswirkt.
WERBUNG ALS KUNST, KUNST ALS LEBENSGEFÜHL
Die
Neue wilde Malerei verkauft sich gut und schnell - die hochkulturelle Avantgardegalerie,
wie sie in Österreich als Informationsgalerie praktiziert wurde, begann
Ende der 70er Jahre und Anfang der Achtziger Jahre ihre kommerzielle Fruchtbarkeit
zu erweisen. Die erstaunlich vielen Künstler und Galeristen haben alle
allerdings angeblich nur ein Ziel - das Museum. Diese Identität von Ausstellung
und Museum, von postmoderner und moderner Kunst, gilt ebenfalls als signifikantes
Streben einer als homogen empfundenen Avantgarde.
Auch die Werbeausgaben der österreichischen Firmen wachsen und steigern
das Niveau der heimischen Werbung beträchtlich. Erstmals verschwimmt die
Trennlinie zwischen kommerziellem und avantgardistischem Kreativen. Werbung
beginnt wie Kunst auszusehen und umgekehrt.
RETRO - RETRO
Man
trägt Sakkos aus dem Flip oder vom Flohmarkt, wer Geld hat von Fiorucci;
dazu Hawaiihemden, Miniröcke aus Leopardenfellimitaten, Gel in den Haaren,
Schulterpölster und grauenhaft spitze Schuhe - alles schon mal dagewesen?
Die Achtzigerjahre oder die von uns beschriebene Epoche, die in ihrer ganzen
Homogenität eigentlich schon 1978 beginnt und 1985 endet, kennzeichnet
die erste "Retro"-kultur dieses Jahrhunderts. Man zieht sich an wie
in den 50ties der 60ties, hört Rockmusik oder Schlager (Punkrock, Neue
Deutsche Welle), malt expressiv-figurativ, nicht-ideologisch und sinnlich greifbar;
der Nierentisch feiert ein Comeback und alle lesen Konrad Beyer, Bukowski oder
Chandler. Das Ende dieser kurzen, bunten und euphorischen Epoche findet ungefähr
Mitte der Achtziger Jahre statt. In Wien ist das die Zeit, als Clubbings und
House Music "in" wurden, der Börsencrash, die "neue"
SPÖ unter Vranitzky, Ecstasy und der Tod von Popgott Andy Warhol.
80-ER IN WIEN. DIE WIENER SZENE ALS BUCH
Uns erscheint es gerade jetzt spannend und wichtig diese Ära, ihre Phänomene
und ihre Geschichte, die in noch so unmittelbarer Erinnerung stehen, zu dokumentieren.
Jetzt - 1998 - weil wir kurz davor sind diese erste Retrozeit - quasi als "Retroretro"
oder im Sinne von Baudrillards These der "Beschleunigung der Moderne"
demnächst wieder erleben. Vielleicht mussten wir erst ins "Sampling
Zeitalter" eintreten um den "Mut zur Peinlichkeit", das Image
der frühen Achtziger Jahre nicht nur salon- und zitatfähig zu machen,
sondern uns auch einen Dreck um die Authentizität zu scheren. Nachdem sich
der Zitatenquell aus den 60er und 70er Jahren langsam erschöpft, erscheint
derzeit ein Rückgriff auf die "Synthetik-Dekade" didaktisch logisch
und lässt eine Faszination für die frühen Achtziger Jahre und
ihrer extravaganten Widersprüchlichkeit aufkommen. Schon tauchen in den
Modemagazinen wieder breite Schultern und berückend überspitzte schwarzweiß
Fotografien auf; Synthiepopmusik und Maxisingle feiern ein Comeback und die
ersten Carrerasonnebrillen und Bonnie Tyler Frisuren werden wieder gesichtet.
Es gibt Dutzende von Internet Seiten wie "Living in the eighties",
in Deutschland werden Neue Deutsche Welle Partys veranstaltet, und in London
gibt es wieder neonkühle Restauranst im Stile von Apotheken wie das "Pharmacy".
Trotzdem darf nicht unerwähnt bleiben, dass die achtziger Jahre keine sorglose
Zeit waren. Viele der damals auftretenden Probleme existieren nach wie vor :
Aids, Arbeitslosogkeit, wachsende Nationalitätenkriege und Umweltprobleme.
Andere Phänomene der achtziger Jahre haben in den Neunzigern an Durchschlagskraft
gewonnen: ob Internet, Privatfernsehen oder die zunehmende Medialisierung.
Bevor diese heraufdämmernde Ära Breitenwirksamkeit erreicht ist dieses
Buch DAS Nachschlagewerk, das als Zeitdokument, Material- und Musiksammlung
eine Hommage an die Jahre, die vom "Mythos des Augenblicks" geprägt
waren, ist.
Franziska Maderthaner, 1998

IDEALZONE WIEN
TEXTE, INTEVIEWS, NAMEN, ORTE, REGISTER
HERAUSGEBERiINNEN:
Martin Dexler, Markus Eiblmayr, Franziska Maderthaner
EINLEITUNG:
Peter Weibel "Die schnellen Jahre"
TEXTE:
von Michael Freund, Walter Gröbchen, Robert Fleck, Matthias Boeckl, Burghard
Schmidt, Sigi Mattl, Karin Resetarits, Gerd Winkler, Christian Reder, Andreas
Köstler, Michael Hopp, Manfred Klimek, Willy Zwerger, Desirée Vasko
INTERVIEWS:
Kunst: Oswald Oberhuber - Brigitte Kowanz - Silvia Steinek - Horst Christoph
- Jan Tabor - Johanna Kandl - Hubert Scheibl
Musik: Stefan Weber - Fritz Grohs - Bernhard Tragut - Martin Blumenau - Robert
Wolf
Lokale: Ossi Schellmann - Michael Satke
Architektur,Design: Wolf D. Prix - Gregor Eichinger - Matthis Esterhazy
Film: Niki List - Franz Novotny - Bady Minck - Harald Sicheritz - Rudolf John
Theater: Emmy Werner - Christian Pronay - Wolfgang Kralicek
Schauspielhaus: Hans Gratzer
Punk: Michael Snoj
Schoko: Edi Komaretho, Franzi Rist
Bäckerstrasse: Pero/Alt Wien
Szenemenschen:
100 Kurzportraits von wichtigen Zeitzeugen und Kulturschaffenden.
Falterverlag

"The
eighties are back." Was vordergründig wie eine Revival von Popkultur
zum richtigen Zeitpunkt aussieht, ist im Grunde des Versuch, diese Jahre, diese
"schnellen" Jahre, erstmals am Beispiel einer Stadt und ihrer Kultur
nachzuzeichnen. Es ist der Versuch, die Aufbruchsstimmung in Wien der siebziger
bis Mitte der achtziger Jahre dokumentarisch, analytisch und immer wieder ironisch
nachzuzeichnen. Es ist eine Liebeserklärung an Wien, und es ist eine Abrechnung.
Es umfasst die ganze Bandbreite des dilettantischen "Alles, immer und überall",
das wir so gut aus dieser noch gar nicht so lange vergangenen Zeit kennen. Und
genau das ist der wesentliche Aspekt, der "Idealzone Wien" von einander
jagenden Revivals von heute unterscheidet. Bevor- oder sind wir schon mittendrin?
- in Wien ein Recycling oder Revival der achtziger Jahre pasiert, sei es kompensatorischer
oder kathartischer Funktion, wird dieses Buch die idyllisierende Beschwörung
der guten alten Zeit verhindern oder: die Dinge zurechtrücken. Was gab es
damals nicht alles:
New
Wave, Punk und Neue Deutsche Welle; Schoko, Ring und Reiss-Bar; Wilde Malerei
und Galerienboom; Minisex und Blümchen Blau; Stadtfeste und Hainburg; Flip-Sakkos
und Bleistiftabsätze; postmodernes Denken und Caorle am Karlsplatz - lauter
unumstößliche Kennzeichen und Symbole einer Zeit, die zur Identitätsfindung
der jungen Generation in Wien wesentlich beigetragen haben und sie radikal prägten.
Ob
im Musikbereich, wo billige Synthesizer und die Neue Deutsche Welle demonstrieren
wie einfach und lustig Musik machen ist; ob in der Kunst, wo mit naiver Euphorie
die wieder gewonnene Ausdruckskraft der Malerei gefeiert wird oder in der Architektur,
der Werbung oder im Design. Postmoderne Gestaltungskriterien machen es leicht
aus den diversen stilistischen Mottenkisten das passende Styling zusammenzubasteln
und bald tönt die postmoderne Überwindung als Hedonismus in allen Gassen.
Auch die Wiener Gastronomieszene boomt -1977 eröffnet die von Coop Himmelblau
gestaltete Reissbar, 1980 das Krah Krah - das somit den Startschuss zur Erschließung
des Bermudadreiecks gibt. Hermann Czech baut das Salzamt, nachdem sein Kleines
Café und die Wunderbar schon Jahre vorher diesen Lokaltypus zum Vorschein
gebracht haben und als einzige zeitgemäße architektonische Orte galten.
Parallel dazu schießen die Lokale nur so aus dem Boden; Tempo, Schoko, Blitzbar,
Flieger, Ring, und wie sie alle heißen - große, grelle, coole "Beisln"
mit Neon und Palmen, in denen sich das sogenannte Leben abspielt. Diese Orte dienen
als Kontaktbörse, als Aufreissort oder als erweitertes Wohnzimmer. Wo früher
Avantgarde und Hochkultur nur in geheimnisvollen Etablissements zu finden waren,
sind jetzt alle immer und überall.
Die
Neue wilde Malerei verkauft sich gut und schnell - die hochkulturelle Avantgardegalerie,
wie sie in Österreich als Informationsgalerie praktiziert wurde, begann Ende
der 70er Jahre und Anfang der Achtziger Jahre ihre kommerzielle Fruchtbarkeit
zu erweisen. Die erstaunlich vielen Künstler und Galeristen haben alle allerdings
angeblich nur ein Ziel - das Museum. Diese Identität von Ausstellung und
Museum, von postmoderner und moderner Kunst, gilt ebenfalls als signifikantes
Streben einer als homogen empfundenen Avantgarde.
Man
trägt Sakkos aus dem Flip oder vom Flohmarkt, wer Geld hat von Fiorucci;
dazu Hawaiihemden, Miniröcke aus Leopardenfellimitaten, Gel in den Haaren,
Schulterpölster und grauenhaft spitze Schuhe - alles schon mal dagewesen?