| TRANSGRESSION — WASSER & ÖL — PIKTORALER IMPULS — WHAT BECOMES A LEGEND MOST — INTERVIEW 1999 — REFLEXIONEN — RELAXATIONS — REMEMBER — REALITY CHECK | |||||||||
DER PIKTORALE IMPULS
Rainer Metzger, 2004
Zu den jüngsten Arbeiten von Franziska Maderthaner
Seit der Zeit um 1980 sind die Bilder, die Kunst sind, wieder komplizierter
als jene, die in Werbung, Propaganda, Information und Dienstleistung ihr Wesen
treiben. Davor, fast ein Jahrhundert lang, war das Autonome einfacher als
das Heteronome. Zwar galten ein aufgesockeltes Pissoir oder ein schwarzes
Quadrat als Speerspitze der Konzeptualität und sicherlich war eine Unmenge
an Kompetenz eingeflossen in ihre Darstellung und Gestaltung. Allein, man
sah es nicht. Man musste es wissen.
Damit ist es jetzt vorbei. Mit einem Prozess, für den es bis dato keinen
besseren Begriff als eben "Postmoderne" gibt, dürfen sich die
Bilder wieder dazu bekennen, dass Sehen etwas mit Denken zu tun hat. Bilder
sind nicht nur Illustrationen. Bilder besitzen nicht nur Visualität.
Bilder bestehen vor allem aus Piktoralität. Was Piktoralität ist
zeigen exemplarisch die jüngsten Arbeiten von Franziska Maderthaner.
In ihnen ist explizit gemacht, dass Bildlichkeit immer schon aus Verdichtung
besteht. Das Bild, das präsentiert wird, ist nicht allein das mit den
diversen Attraktionen von Farbe und Verfahren ausgestattete Stück Spektakel,
der Blick auf eine und in eine Welt optischer Fülle. Das Bild ist vor
allem eine Organisationsform, das resolute Zueinander von Sensationen, die
immer selbst schon ein Bild waren.
Da wird also ein Modell gebaut, etwa im Maßstab eins zu zehn. Diesem
Modell werden diverse Arrangements mitgegeben; es werden Ausschnitte aus Publikationen
an die Seitenwände geheftet, es werden Stofffiguren, Spielzeuge, Gegenstände
des Hausgebrauchs im Miniaturraum verteilt, und es werden irgendwelche Materialien
umfunktioniert zu Staffagestücken des Heterogenen. Dieses Modell, diese
Modell-Situation wird sodann fotografiert. Das Foto wird als Vorlage genommen
für die Dia-Projektion, wird an die Wand geworfen, wo es schließlich
ab- und nachgemalt wird. Es entsteht nach langer Prozedur jene Leinwand, wie
sie das Werk dann darstellt, die finale Redaktion mit allen Delikatessen der
Peinture.
Franziska Maderthaners Bilder sehen nicht nur, in der Verschränkung und
Ausschnitthaftigkeit, in der Fülle ihrer Details und dem synthetischen
Zueinander der verschiedenerlei Dinge, kompliziert aus. Sie sind auch so gemeint,
und in den diversen Assoziationen und Aufforderungen ans Weiterdenken mit
denen sie arbeiten, halten sie einen Mechanismus der Bedeutungsvervielfältigung
und der Sinnüberbietung in Gang, dank dessen aus Kompliziertheit Komplexität
wird.
Man mag ein solches Verfahren Sampling nennen. Doch zum einen sind die Franziska
Maderthaners Bilder beileibe nicht so modisch, wie dieser Begriff es meint.
Zum anderen folgt die Methode, nach der sie ins Bild integriert werden, keiner
Logik des nur irgendwie und nur irgendwoher Habhaften; die Dinge werden keineswegs
reduziert auf ihre phänomenale Erscheinung, sondern sind immer schon
bedeutungshaltig, weil sie Reminiszenzen sind und den Zusammenhang, aus dem
sie stammen, mittragen. Zum dritten ist es sehr sprechend, dass Franziska
Maderthaner, bevor sie mit den jüngsten Arbeiten begann, ein Verfahren
beherzigte, das die vermeintliche Zufälligkeit der im Bild zusammengebrachten
Dinge, mit der logischsten aller Legitimationen für Unlogik, nämlich
der alten Konvention der Aleatorik, versah; es wurde also darüber gewürfelt,
was ins Bild kommt. Alles in allem sind diese Bilder in Mechanik und Methodik
viel zu konstruiert, um schiere Sampling-Produkte zu sein. Sie inszenieren
den Bedeutungsüberschuss und nicht den Zusammenbruch aller Bedeutungen.
Sie suchen die Exuberanz an Sinn und demonstrieren nicht seine Unmöglichkeit.
Sie sind, mit einem Wort, viel eher polysemisch als disseminatorisch.
Ob man will oder nicht, es gibt für Künstler genauso wie für
Kritiker und für alle anderen, die mit ästhetischen Gegebenheiten
hantieren, einen jeweiligen, ebenso historischen wie aktuellen, Moment, an
dem sich die Vorlieben, Zugangsweisen und Dispositionen verankern. Irgendwann
setzt sich die Kriterienbildung in Gang, und dieses spezielle Irgendwann macht
sich jeweils individuell geltend. Wer etwa mit der Minimal Art groß
geworden ist, wird die Aufmerksamkeit fürs Serielle, Unhandwerkliche
und Unaufgeregte nicht los werden (und die Expressiven womöglich Zeit
seines Lebens affig finden).
Franziska Maderthaner ist Jahrgang 1962, und not gedrungen wird man bei einem
solchen Geburtsdatum in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern
fündig werden auf der Suche nach den ästhetischen Orientierungen,
die in ihr Oeuvre einfließen. Und tatsächlich lässt sich vielerlei
von dem, was ihre jüngsten Arbeiten heute prägnant vorführen,
von damals her lancieren. In der Zeit um 1980 hatte die fotorealistische Manier
(deren Präsenz auf der documenta 5 Franziska Maderthaner ein frühes
Erweckungserlebnis bescherte) ihre erste Renaissance (und in Jean Baudrillards
Diktum vom "Hyperrealismus" ihre nachholende Theorie). In dieser
Zeit um 1980 war der kritische Impetus einer Kunst-über-Kunst in vollem
Gange und der artifizielle Kontext einer Sammlung, wie ihn Franziska Maderthaners
jüngste Arbeiten heute in aller Ironie herstellen, wurde erstmals zum
Problem gemacht (etwa bei Louise Lawler, die sich vielleicht am deutlichsten
für einen Vergleich anbietet; dazu später mehr). Und in dieser Zeit
war eben jene Neuentdeckung aus dem Geist der Postmoderne zu bewundern, die
Epoche gemacht und den Bildern der Kunst einen veritablen Entwicklungsschub
beschert hat. Bilder (vulgo: die guten Bilder) sind seither in erster Linie
piktoral. Vorher waren sie in erster Linie konzeptuell.
Einer der Schlüsseltexte dieser neuen Bildlichkeit der Bilder, propagiert
im Zentralorgan der postmodernen Ästhetik, im 1976 gegründeten "October",
war Craig Owens' eben 1980 erschienener "The Allegorical Impulse".
Sechs Begriffe bietet Owens dabei an, um der neuen Komplexität der Bilder,
die er in Anlehnung an den damals sehr trendigen Walter Benjamin auf den Obertitel
"allegorisch" bringt, auf die Schliche zu kommen (das einzige, was
von Owens' Begrifflichkeit wirklich einen Bart angesetzt hat, ist entsprechend
diese Sammelbezeichnung). Diese sechs Begriffe seien im folgenden auf die
Piktoralität bezogen, wie sie bei Franziska Maderthaner im Mittelpunkt
steht.
1. "Appropriation": Also bevölkern Darstellungen von Kunstwerken
Franziska Maderthaners artifizielle Szenerien, tatsächlich realisierte,
per Publikation in Umlauf gebrachte und als Zeitungssausschnitt in das Modell
integrierte wie ein Datumsbild von On Kawara oder ein Schriftbild Ed Ruschas;
bisweilen bieten sie sich dar als zitathafte Anrufungen wie bei Sigmar Polkes
lächelnder Erscheinung "höherer Wesen"; genauso schließlich
funktionieren im Sinne der Einverleibung des Fremden in das Eigene schiere
Assoziationen, und die unschuldigste Ähnlichkeit macht aus etwas Verpacktem
einen Christo und aus etwas Zerknautschtem einen John Chamberlain.
2. "Site-specifity": Entsprechend fügen sich die versammelten
Appropriationen zu einem neuen Kontext, jenem Kontext, der dafür bürgt,
in all dem Angerufenen und Ausgeliehenen etwas seinerseits Kunsteinschlägiges
zu erkennen. Franziska Maderthaner liefert also Einblicke in Kollektionen,
in Sammlungen, die von der Ortsunabhängigkeit ihrer Exponate ebenso geprägt
sind wie von der Ortsspezifik ihrer Aufbewahrung. Ein Ausblick ist immer gegeben,
auf eine Berglandschaft der Alpen, auf die bizarren Felsformationen von New
Mexiko oder auf eine Flussszenerie.
3. "Impermanence": Alles, was die Kunst seiner Zeit anfasst, ist
transitorisch, sagt Owens, es ist notwendig ephemer, auch wenn ihr die Bildlichkeit
den Eindruck des Festen und Unabdinglichen verleiht. In diesem Sinn inszeniert
Franziska Maderthaner nicht nur die Ausschnitthaftigkeit ihrer Bildwelten,
sondern auch die vollkommene Willkürlichkeit dessen, was ihre Räume
zeigen. Diese Objekte sind impermanent, weil sie in ihrem Zusammensein völlig
kontingent sind. Ihre Versammlung ist das Gegenteil von notwendig.
4. "Accumulation": Und doch sind all die Dinge zusammengebracht,
neben-, auf- und aneinandergestellt zu einer künstlichen Welt der Bezüge.
Die Akkumulation vollzieht sich im Namen der Steigerung, der reziproken Aufladung
mit Bedeutung.
5. "Discursivity": In diesen Bildern liegt ein gewisse Dimension
des Appellativen. Da wird nicht von einer Situation erzählt, die es sowieso
gibt, und eine Bezüglichkeit hergestellt auf eine Welt außerhalb
des Karrees, das die Bilder sind. Statt Referenz gilt Diskursivität,
die Anredefunktion, eine Art von Theatralik, die nur existiert, sofern sie
auf die Wahrnehmung abzielt.
6. "Hybridization": Anders als die gleichsam klassischen Verfahren
der Einarbeitung bestehender Bilder, die Collage und die Montage, geht die
Hybridisierung stärker von Anreicherung als von purer Aneignung aus.
Franziska Maderthaner bedient sich der Dinge und Erscheinungen nicht, um sie
als Fragmente, Zitate, Realitätspartikel neu zusammenzusetzen; vielmehr
werden die Kontexte, aus denen sie stammen, akzeptiert und als Totalitäten
wieder verwendet. Es sind ganze Welten, die sich hier begegnen.
Wie es aussieht, werden gerade durch solche Mechanismen, wie Owens sie in
Worte gekleidet hat, die Bilder der Gegenwartskunst in steter Folge komplexer.
Wenn sich Franziska Maderthaners neueste Produktion in diesem Sinn auf einen
Prozess hin orientieren lässt, der in der Zeit um 1980 einsetzte, ist
damit ein Ausgangspunkt markiert. Doch die Differenz ist nicht weniger markiert:
Ihre eigene Zeitgemäßheit und Aktualität für die unmittelbare
Gegenwart liegt in der weiter zunehmenden Fülle, Vielfalt und Verzweigung
der im Bild angelegten Dimensionen.
Wenn um 1980 das Prinzip der Beobachtung auf höherer Ebene Einzug hielt
und eine Kunst-über-Architektur, eine Kunst-über-den-Kunstbetrieb
oder eine Kunst-über-den-Modernismus entstand, so hat es mit diesem einmal
erreichten Status einer Selbst-Thematisierung der Position über den Dingen
eben nicht sein Bewenden. Als Louise Lawler sich jenen hybriden Wirklichkeiten
widmete, in denen Andy Warhol in irgendeiner Privatsammlung vis-à-vis
zu einem Impressionisten auftaucht, war es eine exemplarische Kunst-über-Kunst.
Und das ist es um so deutlicher, um so expliziter und um so bezeichnender,
wenn Franziska Maderthaner ihrerseits eine Louise Lawler aufgreift und damit
weitere Meta-Ebenen auslotet.
Es gibt, so lässt sich daraus lernen, auch in der Postmoderne eine Logik
der Überbietung. Und es gibt, nach einem Jahrhundert modernistischer
Reduktion, endlich wieder gute Bilder.
Rainer Metzger, Wien 2004
DER PIKTORALE IMPULS
Rainer Metzger, 2004
Zu den jüngsten Arbeiten von Franziska Maderthaner
Seit der Zeit um 1980 sind die Bilder, die Kunst sind, wieder
komplizierter als jene, die in Werbung, Propaganda, Information und Dienstleistung
ihr Wesen treiben. Davor, fast ein Jahrhundert lang, war das Autonome einfacher
als das Heteronome. Zwar galten ein aufgesockeltes Pissoir oder ein schwarzes
Quadrat als Speerspitze der Konzeptualität und sicherlich war eine Unmenge
an Kompetenz eingeflossen in ihre Darstellung und Gestaltung. Allein, man sah
es nicht. Man musste es wissen.
Damit ist es jetzt vorbei. Mit einem Prozess, für den es bis dato keinen
besseren Begriff als eben "Postmoderne" gibt, dürfen sich die
Bilder wieder dazu bekennen, dass Sehen etwas mit Denken zu tun hat. Bilder
sind nicht nur Illustrationen. Bilder besitzen nicht nur Visualität. Bilder
bestehen vor allem aus Piktoralität. Was Piktoralität ist zeigen exemplarisch
die jüngsten Arbeiten von Franziska Maderthaner.
In ihnen ist explizit gemacht, dass Bildlichkeit immer schon aus Verdichtung
besteht. Das Bild, das präsentiert wird, ist nicht allein das mit den diversen
Attraktionen von Farbe und Verfahren ausgestattete Stück Spektakel, der
Blick auf eine und in eine Welt optischer Fülle. Das Bild ist vor allem
eine Organisationsform, das resolute Zueinander von Sensationen, die immer selbst
schon ein Bild waren.
Da wird also ein Modell gebaut, etwa im Maßstab eins zu zehn. Diesem Modell
werden diverse Arrangements mitgegeben; es werden Ausschnitte aus Publikationen
an die Seitenwände geheftet, es werden Stofffiguren, Spielzeuge, Gegenstände
des Hausgebrauchs im Miniaturraum verteilt, und es werden irgendwelche Materialien
umfunktioniert zu Staffagestücken des Heterogenen. Dieses Modell, diese
Modell-Situation wird sodann fotografiert. Das Foto wird als Vorlage genommen
für die Dia-Projektion, wird an die Wand geworfen, wo es schließlich
ab- und nachgemalt wird. Es entsteht nach langer Prozedur jene Leinwand, wie
sie das Werk dann darstellt, die finale Redaktion mit allen Delikatessen der
Peinture.
Franziska Maderthaners Bilder sehen nicht nur, in der Verschränkung und
Ausschnitthaftigkeit, in der Fülle ihrer Details und dem synthetischen
Zueinander der verschiedenerlei Dinge, kompliziert aus. Sie sind auch so gemeint,
und in den diversen Assoziationen und Aufforderungen ans Weiterdenken mit denen
sie arbeiten, halten sie einen Mechanismus der Bedeutungsvervielfältigung
und der Sinnüberbietung in Gang, dank dessen aus Kompliziertheit Komplexität
wird.
Man mag ein solches Verfahren Sampling nennen. Doch zum einen sind die Franziska
Maderthaners Bilder beileibe nicht so modisch, wie dieser Begriff es meint.
Zum anderen folgt die Methode, nach der sie ins Bild integriert werden, keiner
Logik des nur irgendwie und nur irgendwoher Habhaften; die Dinge werden keineswegs
reduziert auf ihre phänomenale Erscheinung, sondern sind immer schon bedeutungshaltig,
weil sie Reminiszenzen sind und den Zusammenhang, aus dem sie stammen, mittragen.
Zum dritten ist es sehr sprechend, dass Franziska Maderthaner, bevor sie mit
den jüngsten Arbeiten begann, ein Verfahren beherzigte, das die vermeintliche
Zufälligkeit der im Bild zusammengebrachten Dinge, mit der logischsten
aller Legitimationen für Unlogik, nämlich der alten Konvention der
Aleatorik, versah; es wurde also darüber gewürfelt, was ins Bild kommt.
Alles in allem sind diese Bilder in Mechanik und Methodik viel zu konstruiert,
um schiere Sampling-Produkte zu sein. Sie inszenieren den Bedeutungsüberschuss
und nicht den Zusammenbruch aller Bedeutungen. Sie suchen die Exuberanz an Sinn
und demonstrieren nicht seine Unmöglichkeit. Sie sind, mit einem Wort,
viel eher polysemisch als disseminatorisch.
Ob man will oder nicht, es gibt für Künstler genauso wie für
Kritiker und für alle anderen, die mit ästhetischen Gegebenheiten
hantieren, einen jeweiligen, ebenso historischen wie aktuellen, Moment, an dem
sich die Vorlieben, Zugangsweisen und Dispositionen verankern. Irgendwann setzt
sich die Kriterienbildung in Gang, und dieses spezielle Irgendwann macht sich
jeweils individuell geltend. Wer etwa mit der Minimal Art groß geworden
ist, wird die Aufmerksamkeit fürs Serielle, Unhandwerkliche und Unaufgeregte
nicht los werden (und die Expressiven womöglich Zeit seines Lebens affig
finden).
Franziska Maderthaner ist Jahrgang 1962, und not gedrungen wird man bei einem
solchen Geburtsdatum in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern
fündig werden auf der Suche nach den ästhetischen Orientierungen,
die in ihr Oeuvre einfließen. Und tatsächlich lässt sich vielerlei
von dem, was ihre jüngsten Arbeiten heute prägnant vorführen,
von damals her lancieren. In der Zeit um 1980 hatte die fotorealistische Manier
(deren Präsenz auf der documenta 5 Franziska Maderthaner ein frühes
Erweckungserlebnis bescherte) ihre erste Renaissance (und in Jean Baudrillards
Diktum vom "Hyperrealismus" ihre nachholende Theorie). In dieser Zeit
um 1980 war der kritische Impetus einer Kunst-über-Kunst in vollem Gange
und der artifizielle Kontext einer Sammlung, wie ihn Franziska Maderthaners
jüngste Arbeiten heute in aller Ironie herstellen, wurde erstmals zum Problem
gemacht (etwa bei Louise Lawler, die sich vielleicht am deutlichsten für
einen Vergleich anbietet; dazu später mehr). Und in dieser Zeit war eben
jene Neuentdeckung aus dem Geist der Postmoderne zu bewundern, die Epoche gemacht
und den Bildern der Kunst einen veritablen Entwicklungsschub beschert hat. Bilder
(vulgo: die guten Bilder) sind seither in erster Linie piktoral. Vorher waren
sie in erster Linie konzeptuell.
Einer der Schlüsseltexte dieser neuen Bildlichkeit der Bilder, propagiert
im Zentralorgan der postmodernen Ästhetik, im 1976 gegründeten "October",
war Craig Owens' eben 1980 erschienener "The Allegorical Impulse".
Sechs Begriffe bietet Owens dabei an, um der neuen Komplexität der Bilder,
die er in Anlehnung an den damals sehr trendigen Walter Benjamin auf den Obertitel
"allegorisch" bringt, auf die Schliche zu kommen (das einzige, was
von Owens' Begrifflichkeit wirklich einen Bart angesetzt hat, ist entsprechend
diese Sammelbezeichnung). Diese sechs Begriffe seien im folgenden auf die Piktoralität
bezogen, wie sie bei Franziska Maderthaner im Mittelpunkt steht.
1. "Appropriation": Also bevölkern Darstellungen von Kunstwerken
Franziska Maderthaners artifizielle Szenerien, tatsächlich realisierte,
per Publikation in Umlauf gebrachte und als Zeitungssausschnitt in das Modell
integrierte wie ein Datumsbild von On Kawara oder ein Schriftbild Ed Ruschas;
bisweilen bieten sie sich dar als zitathafte Anrufungen wie bei Sigmar Polkes
lächelnder Erscheinung "höherer Wesen"; genauso schließlich
funktionieren im Sinne der Einverleibung des Fremden in das Eigene schiere Assoziationen,
und die unschuldigste Ähnlichkeit macht aus etwas Verpacktem einen Christo
und aus etwas Zerknautschtem einen John Chamberlain.
2. "Site-specifity": Entsprechend fügen sich die versammelten
Appropriationen zu einem neuen Kontext, jenem Kontext, der dafür bürgt,
in all dem Angerufenen und Ausgeliehenen etwas seinerseits Kunsteinschlägiges
zu erkennen. Franziska Maderthaner liefert also Einblicke in Kollektionen, in
Sammlungen, die von der Ortsunabhängigkeit ihrer Exponate ebenso geprägt
sind wie von der Ortsspezifik ihrer Aufbewahrung. Ein Ausblick ist immer gegeben,
auf eine Berglandschaft der Alpen, auf die bizarren Felsformationen von New
Mexiko oder auf eine Flussszenerie.
3. "Impermanence": Alles, was die Kunst seiner Zeit anfasst, ist transitorisch,
sagt Owens, es ist notwendig ephemer, auch wenn ihr die Bildlichkeit den Eindruck
des Festen und Unabdinglichen verleiht. In diesem Sinn inszeniert Franziska
Maderthaner nicht nur die Ausschnitthaftigkeit ihrer Bildwelten, sondern auch
die vollkommene Willkürlichkeit dessen, was ihre Räume zeigen. Diese
Objekte sind impermanent, weil sie in ihrem Zusammensein völlig kontingent
sind. Ihre Versammlung ist das Gegenteil von notwendig.
4. "Accumulation": Und doch sind all die Dinge zusammengebracht, neben-,
auf- und aneinandergestellt zu einer künstlichen Welt der Bezüge.
Die Akkumulation vollzieht sich im Namen der Steigerung, der reziproken Aufladung
mit Bedeutung.
5. "Discursivity": In diesen Bildern liegt ein gewisse Dimension des
Appellativen. Da wird nicht von einer Situation erzählt, die es sowieso
gibt, und eine Bezüglichkeit hergestellt auf eine Welt außerhalb
des Karrees, das die Bilder sind. Statt Referenz gilt Diskursivität, die
Anredefunktion, eine Art von Theatralik, die nur existiert, sofern sie auf die
Wahrnehmung abzielt.
6. "Hybridization": Anders als die gleichsam klassischen Verfahren
der Einarbeitung bestehender Bilder, die Collage und die Montage, geht die Hybridisierung
stärker von Anreicherung als von purer Aneignung aus. Franziska Maderthaner
bedient sich der Dinge und Erscheinungen nicht, um sie als Fragmente, Zitate,
Realitätspartikel neu zusammenzusetzen; vielmehr werden die Kontexte, aus
denen sie stammen, akzeptiert und als Totalitäten wieder verwendet. Es
sind ganze Welten, die sich hier begegnen.
Wie es aussieht, werden gerade durch solche Mechanismen, wie Owens sie in Worte
gekleidet hat, die Bilder der Gegenwartskunst in steter Folge komplexer. Wenn
sich Franziska Maderthaners neueste Produktion in diesem Sinn auf einen Prozess
hin orientieren lässt, der in der Zeit um 1980 einsetzte, ist damit ein
Ausgangspunkt markiert. Doch die Differenz ist nicht weniger markiert: Ihre
eigene Zeitgemäßheit und Aktualität für die unmittelbare
Gegenwart liegt in der weiter zunehmenden Fülle, Vielfalt und Verzweigung
der im Bild angelegten Dimensionen.
Wenn um 1980 das Prinzip der Beobachtung auf höherer Ebene Einzug hielt
und eine Kunst-über-Architektur, eine Kunst-über-den-Kunstbetrieb
oder eine Kunst-über-den-Modernismus entstand, so hat es mit diesem einmal
erreichten Status einer Selbst-Thematisierung der Position über den Dingen
eben nicht sein Bewenden. Als Louise Lawler sich jenen hybriden Wirklichkeiten
widmete, in denen Andy Warhol in irgendeiner Privatsammlung vis-à-vis
zu einem Impressionisten auftaucht, war es eine exemplarische Kunst-über-Kunst.
Und das ist es um so deutlicher, um so expliziter und um so bezeichnender, wenn
Franziska Maderthaner ihrerseits eine Louise Lawler aufgreift und damit weitere
Meta-Ebenen auslotet.
Es gibt, so lässt sich daraus lernen, auch in der Postmoderne eine Logik
der Überbietung. Und es gibt, nach einem Jahrhundert modernistischer Reduktion,
endlich wieder gute Bilder.
Rainer Metzger, Wien 2004