| WASSER & ÖL — PIKTORALER IMPULS — WHAT BECOMES A LEGEND MOST — INTERVIEW 1999 — REFLEXIONEN — RELAXATIONS — REALITY CHECK | |||||||
„Für mich ist die Technik des Aquarells ein extrem spannender "Ausgleich“ zur Ölmalerei. Sie fordert eine völlig andere Art der Konzentration auf das "Jetzt“, auf die Unwiederbringlichkeit einzelner Momente. Wenn mir diese Konzentration gelingt, bin ich zugleich in einem Zustand höchster Wachsamkeit und Ruhe. Ich sehe darin eine gewisse Verwandtschaft zur japanischen oder chinesischen Kaligraphie. Parallel zur Bildproduktion empfinde ich diese Arbeiten als eine Art "Schreiben“ über Kunst - ein "Schreiben“ in den nicht nur technisch gesehen sehr, sehr unterschiedlichen Medien Aquarell und Öl.“ (Franziska Maderthaner)
Zur Ausstellung Wasser & Öl
Franziska Maderthaner beherrscht die zwei Medien Aquarell und Ölmalerei gleichermaßen souverän. In ihrer aktuellen Ausstellung "Wasser & Öl“ werden diese höchst differenten Techniken sprichwörtlich selbst zum Thema. Ihre neuen Arbeiten oszillieren zwischen weltpolitischen Bedeutungstiefen von Wasser und Öl als elementare Ressourcen, und den medialen Oberflächen, in denen sie Wasser und Öl verhandelt. Sie zeigt Verhüllung als Verhüllung, Aktion als Aktion, Medium als Medium indem sie die Zusammenhänge von Form und Inhalt oder von Überbau und Basis immer wieder neu auf die Bühnen medialer Oberflächen legt. Diese Betonung der Oberflächen, und die damit verbundene Lenkung der Aufmerksamkeit auf unterschiedliche Medialitäten bewirkt Verschiebungen und Brüche zwischen eingeübten Verhältnissen von Wahrnehmung und Zeit.
Massenmediale Bilder erscheinen als Aquarell. Bevor das Aquarell als "Hausfrauenmedium“ in Verruf kam, war es als schnelles Skizzenmedium ein klassisches Reiseberichtsformat, bis es von der Fotografie in dieser Funktion abgelöst wurde. Maderthaner zitiert im Aquarell massenmediale Reisebilder, von Kriegsschauplätzen bis zum Museum als touristischem Event, wobei das Aquarell als Dokumentationsinstrument im Gegensatz zur Fotografie nicht mimetisch funktioniert, sondern immer schon ein tendenziell abstrahierendes und damit ein stärker auf sich selbst verweisendes Medium ist. In einem weiteren Schritt wird die Momentaufnahme des Aquarells in "Scheinaquarelle“ in Öl übergeführt. Die ausdehnbaren Zeit- und Materialschichten der Ölmalerei erlauben Korrekturen und Löschungen als Überschreibungen, ähnlich digitaler Bildbearbeitung, die Löschung als Überschreibung prozessiert.
Durch ihr klares Bekenntnis zu Visualität und technischer Brillanz zeigt Franziska Maderthaner in ihren Arbeiten Sujets als ersetzbar. Sie geht dieser Austauschbarkeit nach, indem sie morphologischen Ähnlichkeiten nachspürt: Mit Planen oder allerlei Decken verhüllte Autos in Kroatien stellt sie neben Frauen in Burkas im arabischen öffentlichen Raum oder Frauen, die sich in Kunstausstellungen gerade ihre Pullover ausziehen. Das Nebeneinander von Planen, Burkas und Pullovern thematisiert Verhüllung als Phänomen und Maskerade. Diese Bilder stellen die Maske als Maske aus. Sie fragen nicht nach eventuellen Geheimnissen dahinter, sondern zeigen die Maske als Erscheinungsform und Medium. Ihr Inhalt bleibt der Akt des Verhüllens der durch das Unsichtbarmachen Aufmerksamkeiten generiert und Sichtbarkeit lenkt.
In einem weiteren Teil der Ausstellung porträtiert sich die Künstlerin exemplarisch selbst in Posen und Verkleidungen von Egon Schiele Modellen und überlässt diese Zitate kunsthistorisch höchst aufgeladener Bilder ihrem Sohn zur Überarbeitung. Das Selbstportrait als Topos von Bekenntnis und bildhafter Authentizität wird hier mehrfach überschrieben und, obwohl in diesen Selbstportraits jeglicher Anspruch einen wie immer gearteten "inneren Kern“ darzustellen offensichtlich fehlt, zeigt sich dennoch, dass hier etwas sehr Eigentliches getroffen ist. Die Konzentration auf ein "Spiel“ mit Formalisierungen, in diesem Fall Formalisierungen des Selbst, bedeutet eben nicht nur Distanz und Entfremdung, sondern auch Befreiung und Überschreitung.
Man könnte bei all dem leicht eine als gemeinhin amoralisch geltende Austauschbarkeit potentieller Inhalte beklagen und reklamieren, dass das alles in Wirklichkeit nichts miteinander zu tun hätte. Strategien der Aufführung des Ähnlichen, morphologische und mediale, vervielfachen sich in der Serie "Wasser & Öl“. Wenn Maderthaner zweimal dasselbe macht – einmal in Aquarell und einmal in Öl ist es eben nicht mehr ident, sondern wird zu etwas Ähnlichem. Das wiederum "ähnelt“ dem Effekt, wenn wir zum Beispiel ein Attentat im Medium Fernsehen sehen und das Attentat dadurch kein singuläres Ereignis mehr ist, sondern immer schon Ähnlichkeiten mit anderen Fernsehberichten evoziert. Das Medium bleibt stärker. Franziska Maderthaners neuen Arbeiten sind somit auch und nicht zuletzt eine Kritik klassischer Ideologiekritik. Bilder die es wirklich wert sind, genau beschaut zu werden.
Angelika Fitz und Michael Wörgötter
DER PIKTORALE IMPULS
Rainer Metzger, 2004
Zu den jüngsten Arbeiten von Franziska Maderthaner
Seit der Zeit um 1980 sind die Bilder, die Kunst sind, wieder
komplizierter als jene, die in Werbung, Propaganda, Information und Dienstleistung
ihr Wesen treiben. Davor, fast ein Jahrhundert lang, war das Autonome einfacher
als das Heteronome. Zwar galten ein aufgesockeltes Pissoir oder ein schwarzes
Quadrat als Speerspitze der Konzeptualität und sicherlich war eine Unmenge
an Kompetenz eingeflossen in ihre Darstellung und Gestaltung. Allein, man sah
es nicht. Man musste es wissen.
Damit ist es jetzt vorbei. Mit einem Prozess, für den es bis dato keinen
besseren Begriff als eben "Postmoderne" gibt, dürfen sich die
Bilder wieder dazu bekennen, dass Sehen etwas mit Denken zu tun hat. Bilder
sind nicht nur Illustrationen. Bilder besitzen nicht nur Visualität. Bilder
bestehen vor allem aus Piktoralität. Was Piktoralität ist zeigen exemplarisch
die jüngsten Arbeiten von Franziska Maderthaner.
In ihnen ist explizit gemacht, dass Bildlichkeit immer schon aus Verdichtung
besteht. Das Bild, das präsentiert wird, ist nicht allein das mit den diversen
Attraktionen von Farbe und Verfahren ausgestattete Stück Spektakel, der
Blick auf eine und in eine Welt optischer Fülle. Das Bild ist vor allem
eine Organisationsform, das resolute Zueinander von Sensationen, die immer selbst
schon ein Bild waren.
Da wird also ein Modell gebaut, etwa im Maßstab eins zu zehn. Diesem Modell
werden diverse Arrangements mitgegeben; es werden Ausschnitte aus Publikationen
an die Seitenwände geheftet, es werden Stofffiguren, Spielzeuge, Gegenstände
des Hausgebrauchs im Miniaturraum verteilt, und es werden irgendwelche Materialien
umfunktioniert zu Staffagestücken des Heterogenen. Dieses Modell, diese
Modell-Situation wird sodann fotografiert. Das Foto wird als Vorlage genommen
für die Dia-Projektion, wird an die Wand geworfen, wo es schließlich
ab- und nachgemalt wird. Es entsteht nach langer Prozedur jene Leinwand, wie
sie das Werk dann darstellt, die finale Redaktion mit allen Delikatessen der
Peinture.
Franziska Maderthaners Bilder sehen nicht nur, in der Verschränkung und
Ausschnitthaftigkeit, in der Fülle ihrer Details und dem synthetischen
Zueinander der verschiedenerlei Dinge, kompliziert aus. Sie sind auch so gemeint,
und in den diversen Assoziationen und Aufforderungen ans Weiterdenken mit denen
sie arbeiten, halten sie einen Mechanismus der Bedeutungsvervielfältigung
und der Sinnüberbietung in Gang, dank dessen aus Kompliziertheit Komplexität
wird.
Man mag ein solches Verfahren Sampling nennen. Doch zum einen sind die Franziska
Maderthaners Bilder beileibe nicht so modisch, wie dieser Begriff es meint.
Zum anderen folgt die Methode, nach der sie ins Bild integriert werden, keiner
Logik des nur irgendwie und nur irgendwoher Habhaften; die Dinge werden keineswegs
reduziert auf ihre phänomenale Erscheinung, sondern sind immer schon bedeutungshaltig,
weil sie Reminiszenzen sind und den Zusammenhang, aus dem sie stammen, mittragen.
Zum dritten ist es sehr sprechend, dass Franziska Maderthaner, bevor sie mit
den jüngsten Arbeiten begann, ein Verfahren beherzigte, das die vermeintliche
Zufälligkeit der im Bild zusammengebrachten Dinge, mit der logischsten
aller Legitimationen für Unlogik, nämlich der alten Konvention der
Aleatorik, versah; es wurde also darüber gewürfelt, was ins Bild kommt.
Alles in allem sind diese Bilder in Mechanik und Methodik viel zu konstruiert,
um schiere Sampling-Produkte zu sein. Sie inszenieren den Bedeutungsüberschuss
und nicht den Zusammenbruch aller Bedeutungen. Sie suchen die Exuberanz an Sinn
und demonstrieren nicht seine Unmöglichkeit. Sie sind, mit einem Wort,
viel eher polysemisch als disseminatorisch.
Ob man will oder nicht, es gibt für Künstler genauso wie für
Kritiker und für alle anderen, die mit ästhetischen Gegebenheiten
hantieren, einen jeweiligen, ebenso historischen wie aktuellen, Moment, an dem
sich die Vorlieben, Zugangsweisen und Dispositionen verankern. Irgendwann setzt
sich die Kriterienbildung in Gang, und dieses spezielle Irgendwann macht sich
jeweils individuell geltend. Wer etwa mit der Minimal Art groß geworden
ist, wird die Aufmerksamkeit fürs Serielle, Unhandwerkliche und Unaufgeregte
nicht los werden (und die Expressiven womöglich Zeit seines Lebens affig
finden).
Franziska Maderthaner ist Jahrgang 1962, und not gedrungen wird man bei einem
solchen Geburtsdatum in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern
fündig werden auf der Suche nach den ästhetischen Orientierungen,
die in ihr Oeuvre einfließen. Und tatsächlich lässt sich vielerlei
von dem, was ihre jüngsten Arbeiten heute prägnant vorführen,
von damals her lancieren. In der Zeit um 1980 hatte die fotorealistische Manier
(deren Präsenz auf der documenta 5 Franziska Maderthaner ein frühes
Erweckungserlebnis bescherte) ihre erste Renaissance (und in Jean Baudrillards
Diktum vom "Hyperrealismus" ihre nachholende Theorie). In dieser Zeit
um 1980 war der kritische Impetus einer Kunst-über-Kunst in vollem Gange
und der artifizielle Kontext einer Sammlung, wie ihn Franziska Maderthaners
jüngste Arbeiten heute in aller Ironie herstellen, wurde erstmals zum Problem
gemacht (etwa bei Louise Lawler, die sich vielleicht am deutlichsten für
einen Vergleich anbietet; dazu später mehr). Und in dieser Zeit war eben
jene Neuentdeckung aus dem Geist der Postmoderne zu bewundern, die Epoche gemacht
und den Bildern der Kunst einen veritablen Entwicklungsschub beschert hat. Bilder
(vulgo: die guten Bilder) sind seither in erster Linie piktoral. Vorher waren
sie in erster Linie konzeptuell.
Einer der Schlüsseltexte dieser neuen Bildlichkeit der Bilder, propagiert
im Zentralorgan der postmodernen Ästhetik, im 1976 gegründeten "October",
war Craig Owens' eben 1980 erschienener "The Allegorical Impulse".
Sechs Begriffe bietet Owens dabei an, um der neuen Komplexität der Bilder,
die er in Anlehnung an den damals sehr trendigen Walter Benjamin auf den Obertitel
"allegorisch" bringt, auf die Schliche zu kommen (das einzige, was
von Owens' Begrifflichkeit wirklich einen Bart angesetzt hat, ist entsprechend
diese Sammelbezeichnung). Diese sechs Begriffe seien im folgenden auf die Piktoralität
bezogen, wie sie bei Franziska Maderthaner im Mittelpunkt steht.
1. "Appropriation": Also bevölkern Darstellungen von Kunstwerken
Franziska Maderthaners artifizielle Szenerien, tatsächlich realisierte,
per Publikation in Umlauf gebrachte und als Zeitungssausschnitt in das Modell
integrierte wie ein Datumsbild von On Kawara oder ein Schriftbild Ed Ruschas;
bisweilen bieten sie sich dar als zitathafte Anrufungen wie bei Sigmar Polkes
lächelnder Erscheinung "höherer Wesen"; genauso schließlich
funktionieren im Sinne der Einverleibung des Fremden in das Eigene schiere Assoziationen,
und die unschuldigste Ähnlichkeit macht aus etwas Verpacktem einen Christo
und aus etwas Zerknautschtem einen John Chamberlain.
2. "Site-specifity": Entsprechend fügen sich die versammelten
Appropriationen zu einem neuen Kontext, jenem Kontext, der dafür bürgt,
in all dem Angerufenen und Ausgeliehenen etwas seinerseits Kunsteinschlägiges
zu erkennen. Franziska Maderthaner liefert also Einblicke in Kollektionen, in
Sammlungen, die von der Ortsunabhängigkeit ihrer Exponate ebenso geprägt
sind wie von der Ortsspezifik ihrer Aufbewahrung. Ein Ausblick ist immer gegeben,
auf eine Berglandschaft der Alpen, auf die bizarren Felsformationen von New
Mexiko oder auf eine Flussszenerie.
3. "Impermanence": Alles, was die Kunst seiner Zeit anfasst, ist transitorisch,
sagt Owens, es ist notwendig ephemer, auch wenn ihr die Bildlichkeit den Eindruck
des Festen und Unabdinglichen verleiht. In diesem Sinn inszeniert Franziska
Maderthaner nicht nur die Ausschnitthaftigkeit ihrer Bildwelten, sondern auch
die vollkommene Willkürlichkeit dessen, was ihre Räume zeigen. Diese
Objekte sind impermanent, weil sie in ihrem Zusammensein völlig kontingent
sind. Ihre Versammlung ist das Gegenteil von notwendig.
4. "Accumulation": Und doch sind all die Dinge zusammengebracht, neben-,
auf- und aneinandergestellt zu einer künstlichen Welt der Bezüge.
Die Akkumulation vollzieht sich im Namen der Steigerung, der reziproken Aufladung
mit Bedeutung.
5. "Discursivity": In diesen Bildern liegt ein gewisse Dimension des
Appellativen. Da wird nicht von einer Situation erzählt, die es sowieso
gibt, und eine Bezüglichkeit hergestellt auf eine Welt außerhalb
des Karrees, das die Bilder sind. Statt Referenz gilt Diskursivität, die
Anredefunktion, eine Art von Theatralik, die nur existiert, sofern sie auf die
Wahrnehmung abzielt.
6. "Hybridization": Anders als die gleichsam klassischen Verfahren
der Einarbeitung bestehender Bilder, die Collage und die Montage, geht die Hybridisierung
stärker von Anreicherung als von purer Aneignung aus. Franziska Maderthaner
bedient sich der Dinge und Erscheinungen nicht, um sie als Fragmente, Zitate,
Realitätspartikel neu zusammenzusetzen; vielmehr werden die Kontexte, aus
denen sie stammen, akzeptiert und als Totalitäten wieder verwendet. Es
sind ganze Welten, die sich hier begegnen.
Wie es aussieht, werden gerade durch solche Mechanismen, wie Owens sie in Worte
gekleidet hat, die Bilder der Gegenwartskunst in steter Folge komplexer. Wenn
sich Franziska Maderthaners neueste Produktion in diesem Sinn auf einen Prozess
hin orientieren lässt, der in der Zeit um 1980 einsetzte, ist damit ein
Ausgangspunkt markiert. Doch die Differenz ist nicht weniger markiert: Ihre
eigene Zeitgemäßheit und Aktualität für die unmittelbare
Gegenwart liegt in der weiter zunehmenden Fülle, Vielfalt und Verzweigung
der im Bild angelegten Dimensionen.
Wenn um 1980 das Prinzip der Beobachtung auf höherer Ebene Einzug hielt
und eine Kunst-über-Architektur, eine Kunst-über-den-Kunstbetrieb
oder eine Kunst-über-den-Modernismus entstand, so hat es mit diesem einmal
erreichten Status einer Selbst-Thematisierung der Position über den Dingen
eben nicht sein Bewenden. Als Louise Lawler sich jenen hybriden Wirklichkeiten
widmete, in denen Andy Warhol in irgendeiner Privatsammlung vis-à-vis
zu einem Impressionisten auftaucht, war es eine exemplarische Kunst-über-Kunst.
Und das ist es um so deutlicher, um so expliziter und um so bezeichnender, wenn
Franziska Maderthaner ihrerseits eine Louise Lawler aufgreift und damit weitere
Meta-Ebenen auslotet.
Es gibt, so lässt sich daraus lernen, auch in der Postmoderne eine Logik
der Überbietung. Und es gibt, nach einem Jahrhundert modernistischer Reduktion,
endlich wieder gute Bilder.
Rainer Metzger, Wien 2004