{"id":1141,"date":"2016-01-13T15:03:45","date_gmt":"2016-01-13T14:03:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.maderthaner.cc\/?page_id=1141"},"modified":"2016-02-29T17:16:08","modified_gmt":"2016-02-29T16:16:08","slug":"2014-bikinimenschen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.maderthaner.cc\/index.php\/text\/2014-bikinimenschen\/","title":{"rendered":"2014 Bikinimenschen"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section][et_pb_row][et_pb_column type=&#8220;1_3&#8243;][et_pb_text admin_label=&#8220;titel&#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;left&#8220;]<\/p>\n<h5>Die Bikinimenschen<\/h5>\n<h5>Tableau Vivant zu Franziska Maderthaners Malerei<br \/>\nLydia Mischkulnig<\/h5>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_text admin_label=&#8220;Link&#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;right&#8220;]<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.maderthaner.cc\/index.php\/text\/2014-bikinimenschen\/2014-bikinimenschen-e\/\">[english version]<\/a><\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;2_3&#8243;][et_pb_text admin_label=&#8220;Bikinimenschen (deutsch)&#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;left&#8220;]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Mauern br\u00f6ckeln und durch die Fensterl\u00f6cher wachsen B\u00fcsche. Die Zinnen sind eingest\u00fcrzt, ein Sprung zieht sich vom Sockel in die oberen Stockwerke und davor, nein, darin &#8211; im Hof der verfallenden Burg, stehen zwei Menschen im Bikini. Barfu\u00df, die d\u00fcnne Haut zur Schau tragend, neugierig vortastend und zum R\u00fcckzug bereit, sobald die Steine aus der Mauer purzeln und die Natur mit der Machbarkeit bricht. Die Ruine ist \u00e4lter als der See unten am Fu\u00dfe des H\u00fcgels. Sein Wasser ist dunkel \u00fcber den D\u00f6rfern am Grund. Die Struktur der Mauer, das Alter der Steine, die kanadisch anmutende Landschaft, ein Waldviertler Arkadien, das von den Nazis geschaffen wurde, um Hitlers Spuren als \u00d6rtlichkeit der Herkunft zu verwischen. Die D\u00f6rfer des Gebietes wurden von den Nazis entmenscht, ein Truppen\u00fcbungsplatz errichtet. Die Gegend wird heute auch an Milit\u00e4rs vermietet, um Kriegsger\u00e4t zu erproben, Man\u00f6ver zu \u00fcben. Die St\u00fcmpfe des verlassenen D\u00f6llersheim sind Gedenkst\u00e4tten der Vertriebenen. Der Friedhof ist in Betrieb, so manche Umgesiedelte wollen tot zur\u00fcckkehren. Hitlers Gro\u00dfmutter soll hier begraben sein, ihr Platz ist unbekannt, um Neonazis fernzuhalten. Nach dem Krieg wurde der Kamp gestaut, die T\u00e4ler geflutet, die Seen gebildet, das Waldviertel elektrifiziert. Vergangenheit zieht ihre Spur in die Oberfl\u00e4che des Augenblicks, wo sich die Bikinimenschen ins Geschehen einmischen, eins ins andere, \u00dcberg\u00e4nge verwischen, auftreten, abtreten, alles miteinander in einen Fluss bringen, um die Gegenwart als Schicksalswucht, noch nicht erfahren, aber kurz drauf und dran, zu erfassen. Alles Gefertigte sei falsch, stellen die Bikinimenschen mit ihrem Blick richtig. Geht das?<\/p>\n<p>In der Malerei sei nichts Zufall, meint man. Auch nicht die Flutung der Leinwand. Jeder Griff der K\u00fcnstlerin sitzt. Das Gemisch der Farben ergibt einen Guss, weil mit Spachtel und Winkeleisen flie\u00dfende \u00dcberg\u00e4nge gezogen werden. Pinsel dienen als Besen, Besen als Pinsel, die die Farbe \u00fcber die Leinwand kehren und die erste Schicht bestimmen. Es bilden sich Seen. Mit einem F\u00f6hn wird deren Oberfl\u00e4che aufgewirbelt und die Farbe verblasen. Jeder Moment der Aktion, wo die Farbstoffe ihre Felder besetzen und Spuren legen, ist der Konzentration unterworfen, um den Zufall geschehen zu lassen. Ein Wunder, nah am Wort, das durch Behauchung zur Tat wird; Sprechakt, Malakt. Dazu spielt die Musik. H\u00f6rst du den Klang? Stell dir Farbe vor?<br \/>\nFarben zu denken, f\u00e4llt dem Wortmensch schwer. Zu ihren Namen f\u00e4llt mir n\u00e4mlich die Geschichte ein, die ich mit ihrem Ton verbinde, die Haptik ihres Schimmers und die Atmosph\u00e4re der Umgebung, wo sich mir die Bezeichnung eingepr\u00e4gt hat. Ich antworte: Wasser, Stein, Mohn. Das sind die Farben des Monats, wo man schwimmen gehen und in Ruinen herumklettern und Bl\u00fctenfelder sehen kann. Bl\u00fcten, die in der Sekunde vergehen.<br \/>\nSchlieren und Tupfen, Blasen und quallige Schirme tauchen aus den Tiefen empor, platzen und \u00fcberraschen mit ihren Metamorphosen und anschwellenden Mustern. Die Sch\u00fcttung trocknet und bietet den Griff in die F\u00fclle, die Assoziationen erweckt und neue Bez\u00fcge entspinnt. Zum Beispiel das Genre der Bikinimenschen von Dobra.<br \/>\nSie schwimmen \u00fcber den See zur Ruine hin\u00fcber, und h\u00f6ren das Gebell der angeketteten und ertrunkenen Hunde, das Schlagen der Glocke im Wellengang, das entt\u00e4uschte Seufzen der Ausgesiedelten, die Wut der Gelackmeierten, die Befriedung der Abgefundenen, die in der M\u00fchle am Fu\u00dfe des Sees einst Arbeit gefunden hatten. Sie tauchen hinab und sto\u00dfen sich mit Kraft vorw\u00e4rts, doch das Wasser ist schwarz und man ben\u00f6tigte Licht, um tiefer zu sehen. In den Bildern ist Licht. Es verweigert, den Sinn einer Geschichte zu sehen. Historische Gew\u00e4nder erscheinen, Faltenw\u00fcrfe legen ein Schicksal im fl\u00e4mischen Licht der Abendsonne aus, die der Zufall der Sch\u00fcttung erzwingt. Der Kopf einer Salondame klafft zu einer Schlucht auseinander (1). Die Kopflose steckt zwar in einem eleganten Satinkleid, hat einen F\u00e4cher in der Hand, aber sie stammt in diesem Gewand auch nur aus dem Archiv. Sie hat Fl\u00fcgel, die sich zur Landschaft aufschwingen. Um welchen Preis? Der Schnee gl\u00e4nzt wie Satin und der Schmelz braut die Urtierchen aus den Schichten. Die Pose einer griechisch gewandeten G\u00f6ttin geh\u00f6rt einer Pinself\u00fchrerin, die auf die unsichtbare Wand zum Betrachter schreibt: Trick (2). In Spiegelschrift liest sich das Wort Trick als Fick. Wer wen? Aufforderung? Abweisung? Die Frage bleibt offen. Die Spiegelschrift grenzt das Bild gegen die Durchdringung ab. Sagt es, schau dich selber zusammen!?<br \/>\nIm n\u00e4chsten Bild erhebt sich ein Adonis aus dem Pinselschwung (3). Bei\u00dft er sich selber in den Schwanz? Oder der Blick seiner Betrachterin im T-Shirt? Hell leuchtet die Haut einer Akrobatin, die turnend, \u00fcber einer Felsenschlucht schaukelt (4).<br \/>\nDurch das Wasser zur Ruine schwimmend, unter uns, den Bikinimenschen, geronnene Schlucht. Wie f\u00fchlt sich Leinwand an, wenn sie besch\u00fcttet wird? (5) Haut. Brust. Knie. Liege im Wasser und lasse die Oberfl\u00e4che meiner Leiblichkeit umsp\u00fclen, umleckte Inseln, die aus einem Eiszeitalter und anderen Geschichten ragen. Ich schwimme auf die Landzunge zu. Sehe noch den Gletscher in der Grotte, den Eispalast, der in Wolken aufgeht. Der Himmel h\u00e4ngt tief und schwebt schwer \u00fcber den Feldern. Der Mohn wiegt den Kopf aus rotem Plissee. Immer braut sich was zusammen in den Bildern, sei es das Wetter, sei es dieses D\u00f6llersheim, sei es die Farbe. Zwei Bikinimenschen im Hof der Ruine, die wieder als Ruine erhalten werden muss, um ihre Oberfl\u00e4che von Innen aus betrachten zu k\u00f6nnen. Was bedeutet uns das?<br \/>\nDeutsche Offiziere des neunzehnten Jahrhunderts, mit dem Dreck vom Schlachtfeld an den Stiefeln, sitzen am Abend vor der Belagerung von Paris im entmenschten Schloss und spielen nobel Zivilisation (6). Die Kopflosen. H\u00e4nde liegen auf den Tasten des Klaviers. Die Sintflut t\u00fcrmt sich \u00fcber dem Schloss, wogegen das Feuer z\u00fcngelt. Geschichte, die keinen Sinn macht. Weintrauben aus Plastik, Klebeband, Trash und dabei Oberfl\u00e4che, n\u00e4mlich der Kultur.<br \/>\nDie Spannung liegt im Noch. Grundierung, Sch\u00fcttung und dann die Montage mit der Stempelfunktion auf dem Computer. Ein Akt, der eine Skizze und Vorlage ergibt, die dann mit feinen Pinseln gemalt wird, um detailgenaue \u00dcberg\u00e4nge zu fassen und sie so weich zu entfalten, dass der Betrachter in eine Art R\u00fcckfluss ger\u00e4t, weil ihn die Pr\u00e4zision besch\u00e4ftigt, mit der jede Falte ausgef\u00fchrt wird. Durch den scheinbaren Zufall gelangt er in die \u00dcbersetzung, abstrakt zu denken, was gegenst\u00e4ndlich gemalt ist, um zur eigenen Deutung und Komposition zu finden.<br \/>\nDie Begegnung der zwei Bikinimenschen gerinnt zum finalen Augenblick in der Ruine. Dort standen wir wie ausgestanzte Au\u00dferirdische herum, oder Urtiere, Menschen im Hof. Die Mauern zerborsten und aufgelassen, geronnen zu einer immer langsamer werdenden Zeitlupe des Verfalls. Oberfl\u00e4che segnet den Blick, oder umgekehrt, z\u00e4hfl\u00fcssiger wird er, immer langsamer. Dieser Prozess versetzt in Unruhe, oder ist es die Tatsache, dass die Integrit\u00e4t dieser K\u00f6rper an jenem Ort, von wo K\u00f6rper einst vertrieben und umgesiedelt worden sind, ein Aggregatzustand der Erinnerung noch einzul\u00f6sender Menschlichkeit ist? Das Verfaulen eines Apfels zeigt nicht das Verfaulen eines Apfels, es zeigt die Oberfl\u00e4che eines verfaulenden Apfels in einem Augenblick, der nicht weitererz\u00e4hlt wird (7). Faltenbildungen, Stoff, Obsthaut. Quellwolken, Schimmel, Pech. Appetitlicher Eiter, der ins Gr\u00fcn des Weltzeitigen quillt, zerknitterte Metallabf\u00e4lle nebst zerkn\u00fclltem Papier- alles wird in weiche \u00dcberg\u00e4nge gegossen- so h\u00e4lt Maderthaners Kunst Kultur fest. Der Nagel des ausgestreckten Zeigefingers ist schwarz lackiert (8). Gott ist Oberfl\u00e4che und der Apfel ein Ball. Die Ordnung der Welt ist ein Geschl\u00e4ngel. Der Augenblick ist ein Umriss des Fl\u00fcssigen. So schl\u00e4ngeln sich die Erz\u00e4hlungen in den Bildern und verwandeln Versatzst\u00fccke einer B\u00fchne in Komposition, die t\u00f6st, braust, quillt, rauscht knickst, knackst, w\u00e4chst, sickert, leuchtet. Die St\u00e4nkerdirne hat kein Auge (9). Die Vase daf\u00fcr Henkelohren. Reifepr\u00fcfung hei\u00dft das gr\u00f6\u00dfte Bild. Was wird zur Reife gebracht?<br \/>\nNass in nass vertreibt der Pinsel Farbschichten ineinander, hebt die Grenzen auf.<br \/>\nDas Sehen zerlegt die Ruine und verfugt sie zu Kl\u00fcften und dem Buschwerk, dem die zwei Bikinimenschen gegen\u00fcberstehen, die aus f\u00e4lschungssicherer Sch\u00fcttung aufgetaucht im Gespr\u00e4ch \u00fcber dem Stausee die Geschichten aus versunkenen D\u00f6rfern erdichten.<\/p>\n<p>Wien, Juli 2014<\/p>\n<ul>\n<li>(1) Analyse im Stehen<\/li>\n<li>(2) Trick<\/li>\n<li>(3) Fehlproduktion<\/li>\n<li>(4) Baselitzen<\/li>\n<li>(5) Milchkrokodil<\/li>\n<li>(6) Winterreise<\/li>\n<li>(7) Dokumenta Tiefenbach<\/li>\n<li>(8) Reifepr\u00fcfung<\/li>\n<li>(9) St\u00e4nkerdirne<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[et_pb_section][et_pb_row][et_pb_column type=&#8220;1_3&#8243;][et_pb_text admin_label=&#8220;titel&#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;left&#8220;] Die Bikinimenschen Tableau Vivant zu Franziska Maderthaners Malerei Lydia Mischkulnig [\/et_pb_text][et_pb_text admin_label=&#8220;Link&#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;right&#8220;] [english version] [\/et_pb_text][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;2_3&#8243;][et_pb_text admin_label=&#8220;Bikinimenschen (deutsch)&#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;left&#8220;] &nbsp; Die Mauern br\u00f6ckeln und durch die Fensterl\u00f6cher wachsen B\u00fcsche. 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