{"id":777,"date":"2016-01-05T13:37:02","date_gmt":"2016-01-05T12:37:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.maderthaner.cc\/?page_id=777"},"modified":"2016-02-29T17:27:17","modified_gmt":"2016-02-29T16:27:17","slug":"777-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.maderthaner.cc\/index.php\/text\/archive\/777-2\/","title":{"rendered":"2010 Transgression &#8211; Macht der Inszenierung"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section][et_pb_row][et_pb_column type=&#8220;1_3&#8243;][et_pb_text admin_label=&#8220;titel&#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;left&#8220;]<\/p>\n<h5>Transgression &#8211; Macht der Inszenierung<\/h5>\n<h4>J\u00fcrgen Schilling<\/h4>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_text admin_label=&#8220;Link&#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;right&#8220;]<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.maderthaner.cc\/index.php\/text\/archive\/777-2\/transgression-the-power-of-staging\/\">[english version]<\/a><\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;2_3&#8243;][et_pb_text admin_label=&#8220;Transgression &#8211; Macht der Inszenierung&#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;left&#8220;]<\/p>\n<p>Ihre Erfindungsgabe f\u00fchrt Franziska Maderthaner auf neue Wege. Nachdem sie sich \u00fcber Jahre ebenso innovativ wie ironisch, spielerisch und kritisch mit den Avantgarden des vergangenen Jahrhunderts und der Gegenwart befasst hat, deren Protagonisten sie entweder in Form eines Bildnisses auf ihren Tableaus auftreten lie\u00df oder deren Werke sie direkt oder verklausuliert zitierte, bem\u00e4chtigt sie sich in ihrer aktuellen Werkreihe der Formensprache einer weiter zur\u00fcckliegenden Epoche. Nicht die augenf\u00e4llige Aktualit\u00e4t des Barock f\u00fcr die zeitgen\u00f6ssische Kunst, welche man daran ablesen kann, dass inzwischen auch das Schaffen eines Jeff Koons, Damien Hirst oder Maurizio Cattelan in diesem Kontext betrachtet wird, ist f\u00fcr sie ausschlaggebend gewesen, der Malerei jener Zeit eigene stilistische und technische Finessen anzuwenden. Vielmehr entspricht die emotionale und zugleich exakt kalkulierte Bildsprache barocker Kunst ihrem pers\u00f6nlichen Stil, der sich durch \u00fcberbordende Fabulierlust, sinnreiche Kombinatorik, Infragestellung darstellerischer Praktiken und Liebe zur Nuance auszeichnet. Auch die Vorliebe barocker K\u00fcnstler f\u00fcr Mythen und Allegorien ebenso wie f\u00fcr \u00fcppig schwellende Leiblichkeit und naturalistische Details mag sie beeinflusst haben, als sie sich entschloss, ihrer Malerei diese neue Wendung zu geben. Weiterhin vereint Franziska Maderthaner auf ihren gro\u00dfformatigen Gem\u00e4lden scheinbar Nichtzusammengeh\u00f6riges zu geschlossenen Kompositionen voller inhaltlicher \u00dcberraschungen und frappanter visueller Effekte. Durch ihre Methode, abstrakte und hyperrealistisch gemalte Partien zu verschmelzen, bewirkt sie den Eindruck einer indifferenten Raumillusion. Auf die Leinwand gesch\u00fcttete Lacke, welche weich str\u00f6men, sich zu wattigen Farbschwaden formen oder sich im Fluss stauen, schaffen \u2013 abgesehen vom visuellen Vergn\u00fcgen \u2013 eine geheimnisvolle Atmosph\u00e4re innerhalb der Darstellung und vermitteln den Anschein von Traumgesichtern. Sie umschlie\u00dfen und verbinden einerseits die Figurengruppen, andererseits konterkarieren diese wuchernden Nebel die narrative Plausibilit\u00e4t. Eine abschlie\u00dfende Behandlung mit Firnis \u00fcberdeckt materielle Unterschiede zwischen differenzierter \u00d6lmalerei und vom Lack \u00fcberzogenen Bildteilen und erzeugt eine homogene Oberfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Die Gestalten und Staffagen, welche Franziska Maderthaner ins Bild setzt, nachdem sie die Vorbilder aus ihrem Fundus von Fotos, Abbildungen in Hochglanzmagazinen oder im Internet herausgefiltert und in einem komplexen Prozess zeichnend und am Computer ihren Vorstellungen entsprechend manipuliert hat, sind allesamt in ein schwer zu durchschauendes Tun verstrickt. Eine F\u00fclle von virtuos verkn\u00fcpften Teilinformationen addieren sich zu einer vielschichtigen Einheit, deren kausale Zusammenh\u00e4nge eher ersp\u00fcrt als rational begriffen sein wollen. Eben weil die Handlungen einer jeden Figur eindeutig definiert sind, versucht der Rezipient so unweigerlich wie vergeblich, einen direkten logischen Bezug zwischen einzelnen gegenst\u00e4ndlichen Bildabschnitten zu konstruieren, um bald zu begreifen, dass es sich um visualisierte Fragmente der individuellen Ideenwelt Franziska Maderthaners handelt, deren Interpretation eine subjektive bleiben muss. Nicht zuletzt im Enigmatischen der k\u00fchl-distanzierten Darstellung liegt deren Reiz begr\u00fcndet. Zus\u00e4tzlich geben Bildtitel, welche die Lesbarkeit der Szenen erleichtern k\u00f6nnten, zus\u00e4tzliche Fragen auf. Sie entstammen h\u00e4ufig Pop-Songs \u2013 etwa der Beatles, Leonhard Cohens oder David Bowies \u2013 und vermitteln originelle bildbegleitende Botschaften, die allerdings gleichfalls dekodiert sein wollen und sich folgerichtig in das System der Verr\u00e4tselungen einf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Der Ursprung von Themen und Motiven f\u00fcr die Bildserie \u201eTransgression\u201c findet sich im pers\u00f6nlichen Erleben von Alltagsmomenten, vor allem aber im Laufe einer gezielten Recherche in kunsthistorischen Publikationen oder bei Museumsbesuchen. Franziska Maderthaner vereinnahmt nicht nur eingef\u00fchrte Bildfindungen Alter Meister und entwickelt einen eigenwilligen Umgang mit diesen Quellen: Als wesentlich f\u00fcr ihre Arbeit erweist sich ihr Interesse an der von diesen erfundenen und variantenreich praktizierten Lichtf\u00fchrung sowie deren Grundgedanken zur Raumordnung. Inspiriert von den Werken Caravaggios und seiner Nachfolger steigert sie die Plastizit\u00e4t ihrer Figuren ebenso wie sie die Empfindung f\u00fcr den Charakter bestimmter Materialien \u2013 zum Beispiel \u00fcber Silagen gespannte Folie oder Plastikhelme \u2013 sch\u00e4rft. Es ist das scheinwerferartig auf ihre Protagonisten gerichtete \u201eZeigelicht\u201c, welches den in Seitenansicht gegebenen Oberk\u00f6rper einer in inbr\u00fcnstige Andacht Versunkenen haptisch erfahrbar erscheinen oder die Leiber zweier Personen im Vordergrund des Gem\u00e4ldes \u201eTransgression II\u201c vermeintlich aus dem Bildgeviert heraustreten l\u00e4sst. Ein gezieltes Wechselspiel zwischen verdunkelten und glei\u00dfend hell aufleuchtenden Abschnitten strukturiert diese Bilder. \u00dcberdimensional vergr\u00f6\u00dferten aufleuchtenden Fliegenpilzen auf verschattetem Grund, welche auf ein und demselben Werk in zwei Ansichten pr\u00e4sentiert werden, w\u00e4chst durch eine solche malerische Behandlung opulente Monumentalit\u00e4t zu, wobei der Umstand, dass eine Ansicht auf dem Kopf steht, wohl als Hinweis auf ihre halluzinogene Wirkung zu verstehen ist. Dieser selbstgewisse Auftritt der Pilze in ihrer ornamentalen Anordnung gestaltet sich nicht weniger spektakul\u00e4r als manch eine Geste handelnder Personen, welche nicht nur dramatische Akzente setzen, sondern zugleich Konstruktionslinien akzentuieren, auf denen sich die Gesamtkomposition gr\u00fcndet. Franziska Maderthaners Malerei friert die bewegte Geb\u00e4rdensprache ihres Personals ein \u2013 ebenfalls eine Errungenschaft des 16. Jahrhunderts, dessen K\u00fcnstler nicht nur den sachlichen Blick auf die Wirklichkeit, sondern auch die f\u00fcr diese charakteristischen Stimmungen wie Sinnlichkeit, ekstatische Verz\u00fcckung und selbstbezogene Ruhe in die Kunst einf\u00fchrten. Ihre Gem\u00e4lde schildern aus dem Zeitfluss gehobene Szenerien, fixieren Augenblicke, von denen man vermuten k\u00f6nnte, dass sie das Objektiv einer Kamera \u2013 das Motiv des Fotografierens l\u00e4sst Maderthaner mehrfach einflie\u00dfen \u2013 eher festhalten k\u00f6nnte als eine Malerin mit ihren \u00d6lfarben, b\u00f6ten sich ihm denn solche komplexen Sujets. Die akribische Beschreibung des So-Seins des Abgebildeten auf diesen Gem\u00e4lden verdankt ihre bis zur Augent\u00e4uschung reichende Exaktheit der Fokussierung auf Details und einem intensiven Beleuchtungslicht; zugleich werden mittels einer innovativen Bilddramaturgie best\u00e4ndig Zweifel am Offensichtlichen der gemalten Sequenzen gesch\u00fcrt. Franziska Maderthaner beherzigt Alex Colvilles Diktum, als guter Realist m\u00fcsse man alles erfinden, nicht zuletzt, wenn sie sich Vorlagen aus der Kunstgeschichte bedient und diese ohne hieratische Wertung in neuartige, jetztzeitige Zusammenh\u00e4nge r\u00fcckt. Aus schr\u00e4ger Untersicht \u2013 als betrachte man sie in der Loggia dei\u00a0 Lanzi \u2013 stellt sie Giambolognas Marmorplastik \u201eRaub der Sabinerinnen\u201c wirklichkeitsnah dar, relativiert jedoch den mythologischen Hintergrund, indem sie die sich spiralf\u00f6rmig in den Armen eines r\u00f6mischen Heroen windende Sabinerin nach einer Anh\u00e4ufung von Plastikhelmen greifen l\u00e4sst, eine knallbunte Akkumulation, die in heftigem Widerspruch zur als Grisaille-Malerei ausgef\u00fchrten erotisch aufgeladenen Entf\u00fchrungsszene steht. Der Griff nach den Helmen, die von der K\u00fcnstlerin an ihrem Wohnort zusammengetragen und fotografiert wurden, mag eine Wunschvorstellung repr\u00e4sentieren, k\u00f6nnte aber auch f\u00fcr den entschiedenen Griff nach dem bewussten biblischen Apfel stehen, der an einem durch einen abstrakten gr\u00fcnen Farbraum angedeuteten Baum verborgen bleibt. Grundlegender verwandelt Franziska Maderthaner in ihrer Paraphrase das Rubens-Gem\u00e4ldes \u201eJuno und Argus\u201c. Sie beh\u00e4lt zwar die\u00a0 urspr\u00fcngliche Komposition bei und bel\u00e4sst die Hauptfiguren \u2013 neben Juno die G\u00f6tterbotin Iris, welche die hundert Augen des ermordeten W\u00e4chters seinem Haupt entnimmt, um sie Juno zu reichen, die sie in das Federgewand von Pfauen wirft \u2013 an ihrem Platz, doch in ihrer Hand h\u00e4lt Iris ein zerkn\u00fclltes Taschentuch anstelle des abgeschnittenen Kopfes und Junos Gesicht \u00fcberlagert eine gelbliche Farblache. \u00dcber dem gekr\u00fcmmten nackten Rumpf des Argus am unteren Bildrand t\u00fcrmt sich nun eine Gruppe balgender oder in Begeisterung \u00fcber einen sportlichen Erfolg \u2013 worauf Schuhwerk und Bekleidung hindeuten k\u00f6nnten \u2013 sich umarmender Jugendlicher. Ihr Enthusiasmus \u00fcberspielt das Grauen der Gewalttat, in deren Geschehen die Malerin sie verstrickt und von der sie nichts wahrzunehmen scheinen. Wie auf anderen Bildern dieser Bildfolge werden widersinnige Beziehungen konstruiert und das fiktive Ereignis gibt Franziska Maderthaner Gelegenheit, bravour\u00f6s unterschiedliche stoffliche Reize von Taft, Kunststoff und Wolle malerisch zu beschreiben, die Plastizit\u00e4t der Figuren durch Faltenwurf und aufgesetzte Lichter zu definieren und die Wirkung perspektivischer Verzerrungen virtuos durchzuspielen. Deutlich wird dar\u00fcber hinaus, welcher Einfluss auf den Bildablauf den effektvoll ineinander verrinnenden, als monochrom-wei\u00dfe Eck-Begrenzung dastehenden und als symboltr\u00e4chtiges Blutrot an das Gewand der Juno anschlie\u00dfenden Farbsch\u00fcttungen beigemessen werden muss. \u00c4hnliche Eigenschaften vereint ein Selbstportrait, das Franziska Maderthaner in drei Bewegungsphasen zeigt. Zwischen quellenden Farbschlieren figuriert sie \u2013 gewandet in eine von einem Strick geg\u00fcrtete Kutte aus Leinwand \u2013 in einem Raum ohne Statik als Personifikation der Malerei, und demonstriert, unterstrichen von pathetischen Gesten und expressiver Mimik, Erwachen, Triumph und Erl\u00f6schen. In eine klare Dreieckskomposition sind die von scharf geb\u00fcndelten Strahlen beleuchteten K\u00f6rper in ein Kontinuum von Licht- und Schattenzonen eingebettet, innerhalb derer die Formationen des sorgsam drapierten Stoffes eigenst\u00e4ndige abstrakte Zonen kreieren. Wiederum verweisen inhaltliche und formale Aspekte auf Stilmittel des Barock \u2013 und des Symbolismus, welcher auf seine Weise der peniblen Wahrnehmung der Wirklichkeit bis hin zur Surrealit\u00e4t huldigte.<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[et_pb_section][et_pb_row][et_pb_column type=&#8220;1_3&#8243;][et_pb_text admin_label=&#8220;titel&#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;left&#8220;] Transgression &#8211; Macht der Inszenierung J\u00fcrgen Schilling [\/et_pb_text][et_pb_text admin_label=&#8220;Link&#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;right&#8220;] [english version] [\/et_pb_text][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;2_3&#8243;][et_pb_text admin_label=&#8220;Transgression &#8211; Macht der Inszenierung&#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;left&#8220;] Ihre Erfindungsgabe f\u00fchrt Franziska Maderthaner auf neue Wege. 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