{"id":800,"date":"2016-01-05T16:00:33","date_gmt":"2016-01-05T15:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.maderthaner.cc\/?page_id=800"},"modified":"2016-02-29T17:08:41","modified_gmt":"2016-02-29T16:08:41","slug":"800-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.maderthaner.cc\/index.php\/text\/800-2\/","title":{"rendered":"2014 Ein Schaukampf zwischen Rausch und Bild"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section][et_pb_row][et_pb_column type=&#8220;1_3&#8243;][et_pb_text admin_label=&#8220;titel&#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;left&#8220;]<\/p>\n<h5>Ein Schaukampf zwischen Rausch und Bild<\/h5>\n<h5>von Robert Pfaller<\/h5>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_text admin_label=&#8220;Link&#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;right&#8220;]<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.maderthaner.cc\/index.php\/text\/800-2\/2014-a-show-fight-between-rapture-and-image\/\">[english version]<\/a><\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;2_3&#8243;][et_pb_text admin_label=&#8220;EIN SCHAUKAMPF ZWISCHEN RAUSCH UND BILD &#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;left&#8220;]<\/p>\n<p class=\"linkereinzug\">Der philosophische Mensch hat sogar das Vorgef\u00fchl, dass auch unter dieser Wirklichkeit, in der wir leben und sind, eine zweite ganz andre verborgen liege, dass also auch sie ein Schein sei; und Schopenhauer bezeichnet geradezu die Gabe, dass Einem zu Zeiten die Menschen und alle Dinge als blosse Phantome oder Traumbilder vorkommen, als das Kennzeichen philosophischer Bef\u00e4higung. Wie nun der Philosoph zur Wirklichkeit des Daseins, so verh\u00e4lt sich der k\u00fcnstlerisch erregbare Mensch zur Wirklichkeit des Traumes; er sieht genau und gern zu: denn aus diesen Bildern deutet er sich das Leben, an diesen Vorg\u00e4ngen \u00fcbt er sich f\u00fcr das Leben. (Friedrich Nietzsche, Geburt der Trag\u00f6die, \u00a7 1)<\/p>\n<p>01<br \/>\nEin auff\u00e4lliges Merkmal der Malerei, insbesondere derjenigen, die sich mit dem Verh\u00e4ltnis von Gegenst\u00e4ndlichkeit und Abstraktion besch\u00e4ftigt, ist ihr geschichtsphilosophischer Zug. Kaum jemand kann sp\u00e4testens seit Ende des 2. Weltkrieges jemals malen, ohne sich zu fragen, ob nicht das Ende der Malerei schon erreicht sei; ob die gegenst\u00e4ndliche Malerei bereits ein f\u00fcr alle Mal \u00fcberwunden oder andererseits die abstrakte Malerei unm\u00f6glich geworden sei. Die eigene Produktion immer sofort am Gesamtverlauf der Kunstgattung zu messen; niemals zu malen, ohne sich zu fragen: Wohin geht die Malerei? &#8211; dies ist ein eigent\u00fcmlicher Imperativ dieser Praxis, der sich doch einigerma\u00dfen von der eher ruhigen Selbstgewissheit des eigenen Tuns in Bereichen wie Rauminstallation, Performance, Videokunst oder Fotografie unterscheidet.<br \/>\nDiesen geschichtsphilosophischen Zug teilt die Malerei mit einem gewissen Teil der Philosophie. Dort, wo Philosophie als eine Wissenschaft oder als eine den Wissenschaften analoge Praxis mit einem eigenen, ihr eigent\u00fcmlichen Gegenstand begriffen wird &#8211; bei den Philosophen der gro\u00dfen Systeme wie Kant oder Hegel -, sind die Verfasser immer auch stark mit der Frage nach der Stellung des eigenen Vorsto\u00dfes innerhalb eines Gesamtverlaufs der Philosophiegeschichte besch\u00e4ftigt. Wo hingegen der Philosophie kein eigener Gegenstand zugestanden wird, etwa bei Ludwig Wittgenstein oder bei Louis Althusser, taucht meist die Frage nach der Beendigung des Unternehmens auf: L\u00e4\u00dft sich die Philosophie ein f\u00fcr alle Mal mit einem geschliffenen Rasiermesser wie zum Beispiel dem &#8222;Tractatus logico-philosophicus&#8220; f\u00fcr unsinnig erkennen und als \u00fcberfl\u00fcssig gewordenes Anh\u00e4ngsel menschlichen Denkens wegoperieren?<br \/>\n<cite>&#8222;Der Philosoph behandelt eine Frage; wie eine Krankheit&#8220;<\/cite>, bemerkt der sp\u00e4te Ludwig Wittgenstein &#8211; und auch in dieser sp\u00e4ten Formulierung zeigt sich wieder sowohl das medizinische Gefasste der Philosophie als auch die Idee ihres notwendigen Verschwindens. Die Philosophie hat keinen eigenen Gegenstand und kein eigenes Problem; vielmehr ist sie das Problem und alles was sie tun kann, ist dort, wo sie Verwirrung und Gr\u00fcbelzwang angerichtet hat, diese wieder mit guten philosophischen Medikamenten (zum Beispiel aus der Apotheke der &#8222;skeptischen Tropen&#8220;) wieder zum Verschwinden zu bringen.<\/p>\n<p>Allerdings zeigt sich in dieser sp\u00e4ten Auffassung Wittgensteins auch, dass nicht alle philosophischen Krankheiten ein f\u00fcr alle Mal ausgerottet werden k\u00f6nnen wie die Pocken, die Beulenpest oder die Cholera. Vielmehr scheinen die philosophischen Plagen wiederzukehren &#8211; \u00e4hnlich wie der Schnupfen, die Blinddarmentz\u00fcndung, der Beinbruch, die Zwangsneurose oder die psychische Impotenz. Wenn die Philosophie auch keinen eigenen Gegenstand hat und somit kein Terrain zuk\u00fcnftiger Ausbreitung und Weiterentwicklung, so kann sie darum andererseits auch nicht ein f\u00fcr alle Mal ihr Ende erkl\u00e4ren, denn sie wird weiterben\u00f6tigt in dem Ma\u00df, in dem philosophische Wehwehchen die Menschen weiter qu\u00e4len. Man wird sich in ihr \u00fcben m\u00fcssen, um f\u00fcr diese wiederkehrenden Beschwerden immer wieder auch gute Gegengifte parat zu haben.<br \/>\nDies k\u00f6nnte auch ein brauchbarer Gedanke \u00fcber die Malerei sein: warum sollte nicht auch sie eine Antwort auf niemals endg\u00fcltig zu \u00fcberwindende, sondern vielmehr immer wiederkehrende kleine oder gr\u00f6\u00dfere Probleme &#8211; oder aber auch Lustanwandlungen &#8211; der Menschen darstellen? Warum sollte sie nicht eine immer wieder notwendig werdende \u00dcbung im Umgang mit diesen St\u00f6rungen oder Reizen sein?<\/p>\n<p class=\"linkereinzug\">An derselben Stelle hat uns Schopenhauer das ungeheure Grausen geschildert, welches den Menschen ergreift, wenn er pl\u00f6tzlich an den Erkenntnissformen der Erscheinung irre wird, indem der Satz vom Grunde, in irgend einer seiner Gestaltungen, eine Ausnahme zu erleiden scheint. Wenn wir zu diesem Grausen die wonnevolle Verz\u00fcckung hinzunehmen, die bei demselben Zerbrechen des principii individuationis aus dem innersten Grunde des Menschen, ja der Natur emporsteigt, so thun wir einen Blick in das Wesen des Dionysischen, das uns am n\u00e4chsten noch durch die Analogie des Rausches gebracht wird. Entweder durch den Einfluss des narkotischen Getr\u00e4nkes, von dem alle urspr\u00fcnglichen Menschen und V\u00f6lker in Hymnen sprechen, oder bei dem gewaltigen, die ganze Natur lustvoll durchdringenden Nahen des Fr\u00fchlings erwachen jene dionysischen Regungen, in deren Steigerung das Subjective zu v\u00f6lliger Selbstvergessenheit hinschwindet.<br \/>\n(Nietzsche, ebd.)<\/p>\n<p>02<br \/>\nDas Problem oder die Lustanwandlung, die Franziska Maderthaners Malerei bestimmt, kann vielleicht am ehesten als <em>Angstlust<\/em> beschrieben werden: Angst, dass alles in einer gewaltigen Schweinerei aus Farbe weggesp\u00fclt werden k\u00f6nnte; oder gerade umgekehrt Lust, alles Gegenst\u00e4ndliche in den Sog der abstrakten Farbsch\u00fcttungen geraten zu lassen; Lust daran, dass durch ein wenig Gegenst\u00e4ndlichkeit auch noch das Abstrakte eine gegenst\u00e4ndliche Bedeutung annehmen k\u00f6nnte; oder umgekehrt, Lust, das Dahinschwinden der Gegenst\u00e4ndlichkeit im Abstrakten <em>kurz<\/em> (oder, in den Vergr\u00f6\u00dferungen in diesem Katalog: <em>noch k\u00fcrzer<\/em>) vor dem endg\u00fcltigen Kollaps zu bannen.<br \/>\nDer geschichtsphilosophische Ausgangsverdacht hinsichtlich der \u00dcberfl\u00fcssigkeit der Malerei als solcher wird auf diese Weise selbst zu einem innermalerischen Drama verwandelt &#8211; er ger\u00e4t zur Lust an einem gewaltigen \u00dcberschuss, einem freudigen, bewusst \u00fcberfl\u00fcssigen Tun, das darin besteht, zwei historisch gleicherma\u00dfen totgesagte Richtungen der Malerei aufeinander zu hetzen: so scheinen abstrakte und gegenst\u00e4ndliche Elemente einander sozusagen gegenseitig mit witzigen Argumenten der \u00dcberfl\u00fcssigkeit \u00fcberf\u00fchren zu wollen. Die doppeldeutigen Titel wie &#8222;Burenhure mit Kategorienfehler&#8220; oder &#8222;Out of the Flat&#8220; versuchen m\u00f6glicherweise, diesen beiden Seiten der Auseinandersetzung Rechnung zu tragen (gegenst\u00e4ndliche Seite: Burenkriege\/abstrakte Seite: Arbeiten des K\u00fcnstlers Daniel Buren; gegenst\u00e4ndliche Seite: raus aus dem Mief der Nachkriegswohnung\/abstrakte Seite: raus aus der von dem Kunstkritiker Clement Greenberg proklamierten &#8222;flatness&#8220; der Malerei). In bezug auf beide F\u00e4lle k\u00f6nnte man \u00fcbrigens auch sagen: einerseits simple Objektsprache, andererseits kunstbezogener Metadiskurs.<br \/>\n<cite>&#8222;Am Schluss muss alles flach sein;&#8220;<\/cite> sagt Franziska Maderthaner,<cite> &#8222;es muss eine homogene Fl\u00e4che rauskommen.&#8220; <\/cite>Dies scheint zun\u00e4chst vielleicht auf einen Finalsieg der abstrakten Seite \u00fcber die gegenst\u00e4ndliche hinzudeuten. Aber man sollte nicht voreilig schlie\u00dfen. Es w\u00e4re ein Fehler, zu \u00fcbersehen, welcher Natur die figurativen Elemente dieser Malerei selbst meist sind: sie stammen vorwiegend nicht aus der gesehenen zeitgen\u00f6ssischen Wirklichkeit, und oft auch nicht aus der Kunstgeschichte, sondern vielmehr zum Beispiel aus Fotos von Re-enactments historischer Ereignisse &#8211; zum Beispiel einer heutigen Nachstellung einer napoleonischen Schlacht in der N\u00e4he von Wien in historischen Kost\u00fcmen. Die figurativen Elemente in diesen Bildern sind also immer Darstellungen von bereits selbst darstellenden Realit\u00e4ten. Auch jubelnde Fussballer sind nicht einfach Sportler in Aktion, sondern medial geschulte Darsteller von Jubel. Dasselbe gilt vielleicht sogar auch f\u00fcr die des \u00f6fteren wiederkehrenden Motive von Schlafenden: n\u00e4mlich insofern diese sich so still verhalten, als w\u00e4ren sie ein Bild.<cite> &#8222;Sie sa\u00dfen so still da, als ob sie zeigen wollten, wie still sie dasa\u00dfen&#8220;<\/cite>, hei\u00dft es einmal in einem Kriminalroman von Dashiell Hammett. Genau dieses Moment scheint entscheidend in dieser Malerei:\u00a0 Das Gegenst\u00e4ndliche darin referiert nicht so sehr auf Wirklichkeit, sondern vielmehr auf die Bildlichkeit des Wirklichen; auf jenes Wirkliche, das selbst ein Bild &#8211; und mithin &#8222;flach&#8220; &#8211; ist. Somit trifft in dieser Malerei zwar vielleicht Abstraktes auf Gegenst\u00e4ndliches, aber nicht Flaches auf K\u00f6rperliches; sondern vielmehr matchen sich hier abstraktes Flaches und gegenst\u00e4ndliches Flaches in einem schonungslosen, verschwenderischen Gemetzel der Flachheit.<\/p>\n<p>03<br \/>\nEinen der Antriebe ihrer Arbeit beschreibt Franziska Maderthaner als die Sehnsucht, &#8222;erst einen Fehler zu provozieren und dann ein Bild zu retten&#8220;. Dieses Vorhaben mutet der christlichen Religion zutiefst verwandt an, die bekanntlich auch ihre gesamte Gesch\u00e4ftsgrundlage aus den beiden zusammenh\u00e4ngenden Behauptungen eines urspr\u00fcnglichen Fehlers sowie einer sp\u00e4teren Wiedergutmachung bezieht. Mithin spielt die K\u00fcnstlerin in ihrer Arbeit mit der Idee einer (christlich-)g\u00f6ttlichen Perspektive auf ihre Hervorbringungen. Wenn alles bei ihr schlie\u00dflich flach endet, so gelingt ihr damit m\u00f6glicherweise sogar mehr als ihrem Vorbild &#8211; jedenfalls wenn man dem Jesuiten Bl\u00e1zquez, einer Romanfigur von Manuel Vazquez Montalban, glauben darf. Der arme Bl\u00e1zquez muss im Einsatz gegen imperialistische Unterdr\u00fcckung mit seinen Gef\u00e4hrten die steilen Abh\u00e4nge mittelamerikanischer Gebirge \u00fcberqueren. Dies hat zur Folge, dass f\u00fcr ihn &#8222;die Steigungen seine Zweifel an der tats\u00e4chlichen Existenz Gottes n\u00e4hrten, der doch schlie\u00dflich eine flache Welt geschaffen haben k\u00f6nnte.&#8220; In einem Bild von Franziska Maderthaner w\u00e4ren ihm diese Zweifel jedenfalls erspart geblieben.<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[et_pb_section][et_pb_row][et_pb_column type=&#8220;1_3&#8243;][et_pb_text admin_label=&#8220;titel&#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;left&#8220;] Ein Schaukampf zwischen Rausch und Bild von Robert Pfaller [\/et_pb_text][et_pb_text admin_label=&#8220;Link&#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;right&#8220;] [english version] [\/et_pb_text][\/et_pb_column][et_pb_column type=&#8220;2_3&#8243;][et_pb_text admin_label=&#8220;EIN SCHAUKAMPF ZWISCHEN RAUSCH UND BILD &#8220; background_layout=&#8220;light&#8220; text_orientation=&#8220;left&#8220;] Der philosophische Mensch hat sogar das Vorgef\u00fchl, dass auch unter dieser Wirklichkeit, in der wir leben und sind, eine zweite ganz andre verborgen liege, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"parent":302,"menu_order":6,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_et_pb_use_builder":"on","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"class_list":["post-800","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.maderthaner.cc\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/800","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.maderthaner.cc\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.maderthaner.cc\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.maderthaner.cc\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.maderthaner.cc\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=800"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.maderthaner.cc\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/800\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.maderthaner.cc\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/302"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.maderthaner.cc\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=800"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}